Kolumnen

Staffellauf

Staffel für Staffel bringt The Ultimate Fighter neue Talente hervor - Talente wie Jonathan Brookins. Doch wie lange kann sich das angestaubte TUF-Konzept noch halten? Foto by Mark Bergmann/GroundandPound.

Die aktuelle Staffel von The Ultimate Fighter hat am Mittwoch ihre Halbzeit erreicht. Obwohl die letzten Folgen gegenüber dem schwachen Debüt einen Anstieg der Zuschauerzahlen verzeichnen konnten, hinkt die dreizehnte Auflage der amerikanischen Reality-Show dem Erfolg früherer Tage deutlich hinterher. Einen Blick auf die Ursachen und möglichen Lösungen des schwindenden öffentlichen Interesses wagt dieser Artikel.

Hach ja, was waren das noch für Zeiten: Josh Koscheck schleift einen weinerlichen und völlig entkräfteten Bobby Southworth buchstäblich an Händen und Füßen zurück in die Sauna, damit dieser es unter die Gewichtsgrenze schafft. Tage später piesacken Koscheck und Southworth den hitzköpfigen Chris Leben so lange, bis dieser mit seiner bloßen Hand die gläserne Einfassung in der Tür zur Ultimate Fighter-Villa zertrümmert, und im Finale der Show liefern sich Forrest Griffin und Stephan Bonnar ein leidenschaftliches, mit Herz und Seele ausgefochtenes Duell, an dessen Ende es keinen Verlierer gibt, sondern jede Menge Sieger: Die beiden Athleten, die UFC, die Fans und den gesamten MMA-Sport.

Wer heute an die Pilotstaffel von The Ultimate Fighter zurückdenkt, der fühlt sich von Nostalgie ergriffen. Hitzige Konfontationen innerhalb und außerhalb des Octagons, zwei Weltklasse-Coaches, und jede Menge hochkarätiger Kämpfer mit einer großen Zukunft vor sich. Dabei waren viele der feineren Details noch völlig unausgereift: Statt regelmäßiger Duelle im Octagon gab es eher alberne Wettkämpfe zu sehen, in denen die konkurrierenden Teams ihre Trainer beispielsweise auf Ohrensesseln durch die seichte Brandung des Lake Mead tragen, oder - die Lumberjacks lassen grüßen - Baumstämme so schnell wie möglich zersägen und dann über die Ziellinie hieven mussten. Auf diese Weise wurde ermittelt, welches Team einen seiner Kämpfer nach Hause würde schicken müssen - was allerdings für die siegende Mannschaft keinen wirklichen Vorteil bedeutete, denn etwaige Unterschiede in der Mannstärke wurden sofort dadurch ausgeglichen, dass ein Kämpfer aus dem in Überzahl befindlichen Team zur Verstärkung der Konkurrenz die Seiten wechseln musste. Doch solche und ähnlich befremdliche Vorgaben taten dem Erfolg der Sendung keinen Abbruch, denn das Konzept war neu, es war spannend, und es lebte von einer außerordentlich gut gewählten Besetzung.

Schon seit langem ist bei TUF die Professionalisierung eingekehrt. Unsinnige Regeln wurden abgeschafft, die Zahl der Kämpfe erhöht, und auch die schulbubenhaften Streiche und alkoholgetränkten Exzesse halten sich spätestens seit der achten Staffel deutlich in Grenzen. Die Show ist erwachsen geworden, sie ist zum Aushängeschild des Sports und zur Nachwuchsförderung der UFC geworden, aber vor allen Dingen ist sie eines geworden: langweilig.

Staffel 1 - 1.42
Staffel 2 - 1.8
Staffel 3- 1.95
Staffel 4 - 1.7
Staffel 5 - 1.4
Staffel 6 - 1.5
Staffel 7 - 1.3
Staffel 8 - 1.2
Staffel 9 - 1.34
Staffel 10 - 2.9
Staffel 11 - 1.5
Staffel 12 - 1.3
Staffel 13 - 1.0

Dies sind die Nielsen Haushaltswertungen für die Pilotfolgen der bisherigen zwölf Staffeln. Die Wertung repräsentiert die Zahl der Haushalte, die die Sendungen verfolgt haben, als Prozentwert aller Haushalte mit einem TV-Gerät. Eine Wertung von 1.42 für das Debut der ersten Staffel bedeutet also, dass 1,42% aller mit einem Fernseher ausgerüsteten amerikanischen Haushalte zur ersten TUF-Folge aller Zeiten eingeschaltet haben. Wie man sieht, stagniert das Interesse der Zuschauer seit der dritten Staffel bzw nimmt langsam aber stetig ab - und das, obwohl die Bekanntheit des MMA-Sports über die letzten Jahre zweifellos gewachsen ist. Einzige Ausnahme zum Abwärtstrend sind die Zahlen für Staffel Nummer 10, welche, traurig aber wahr, in erster Linie dem Auftritt von Straßenbrawler und Internetlegende Kimbo Slice geschuldet waren. Doch warum interessieren sich immer weniger Leute für die angehenden Ultimate Fighter, während der Sport als solcher mehr und mehr Menschen in seinen Bann zieht?

Der wohl wichtigste Grund dürfte im immer gleichen Schema der Sendung liegen. Mit Ausnahme des oben erwähnten Feinschliffs an einigen Regeln und anderen kleineren Details folgt die Show seit gut sechs Jahren dem exakt gleichen Muster. Zwischen 25 und 39 Minuten lang müssen Zuschauer die bekannten Szenen über sich ergehen lassen: Team A macht heute Konditionstraining, Team B geht auf die Sandsäcke los (morgen andersrum!). Danach dann der große Eklat im Haus: Irgendwer hat irgendwem die Cornflakes weggegessen! Eine mittlere Staatskrise, die der umfassenden Kommentierung von mindestens fünf Kämpfern bedarf. Danach das zweite Training. Ein Coach spielt sich grundlos auf und eifert Pacino mit seiner Rede in "Any given Sunday" nach, weil sein Team sage und schreibe zwei Kämpfe zurück liegt - unglaublich, dass so etwas bei einem KO-System passieren kann. Danach noch mehr Sportlerinterviews mit noch mehr Sportlerantworten. Abgerundet wird das Ganze mit viel Glück durch einen spannenden Kampf, allzu häufig aber durch eine eher peinliche Angelegenheit, bei der zwei Amateure die ersten fünf Minuten mit wilden Haken die Luft um sich herum verprügeln, bis ihnen diese in der zweiten und dritten Runde ausgeht und sie, stehend KO, einem reichlich beliebigen Punktsieg entgegenhecheln.

Zugegeben, das ist ein wenig gehässig formuliert, aber ganz an der Realität vorbei geht es nicht. 50% der Inhalte jeder Staffel sind mehr oder weniger identisch - die anderen 50%, also die Kämpfe und die sozialen Rangeleien im Haus, hängen von der Qualität der jeweiligen Besetzung ab. Mit etwas Glück kommt es dabei zu hitzigen Wortgefechten der Coaches (siehe Evans vs. Jackson) und hochklassigen Auftritten der Kämpfer (siehe z.B. Ryan Bader oder Roy Nelson als zwei erfolgreiche TUF-Sieger der jüngeren Vergangenheit). Mit Pech ergibt sich ein durch und durch uninteressantes Format, das als Schlafmittel eigentlich schon verschreibungspflichtig sein müsste; Staffel Nummer elf lässt grüßen.

Das Problem wird dadurch verschärft, dass gerade die für den Erfolg der Show maßgebliche Kämpferbesetzung in letzter Zeit immer bescheidener ausfällt. Dabei befindet sich die UFC gewissermaßen in einer Zwickmühle: Sucht sie gezielt kontroverse Gestalten wie z.B. Junie Browning in Staffel Nummer acht aus, dann kommt es mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Besäufnissen und wüsten Auseinandersetzungen, an deren Ende sich das halbe Inventar der Wohnung plus ein bis zwei Teilnehmer im Pool wiederfinden. Doch auch diese Art von Drama vermag das Interesse der Zuschauer nur kurzfristig zu fesseln - zudem ist es Wasser auf die Mühlen all jener, die im MMA-Sport nicht mehr als eine bezahlte Prügelei ungehobelter Proleten sehen. Wählt die Liga hingegen allzu gemäßigte Gestalten, so dürfen wir uns Sendung für Sendung auf hohle Phrasen à la "Ich trainiere hart, um im Kampf bessere Chancen zu haben" oder "Ich bin sehr dankbar, dass die UFC mir diese große Chance gibt" gefasst machen, und der aufregendste Kerl im Haus ist auf einmal ein Typ, der sich vor dem Kampf die Zehennägel lackiert. Die richtige Balance zwischen Rowdie und Schlaftablette zu finden ist also durchaus nicht einfach, zumal sich im Vorfeld der Show bestenfalls grobe Vermutungen darüber anstellen lassen, wie die Kämpfer sich im Haus tatsächlich verhalten werden.

Doch nicht nur in Hinblick auf ihre Entertainerqualitäten bleiben die Teilnehmer der letzten Staffeln hinter den Erwartungen zurück. Was noch viel schwerer wiegt ist die Tatsache, dass die athletischen Fähigkeiten der TUF-Teilnehmer im Laufe der Jahre immer bescheidener ausfallen, obwohl das Niveau im MMA-Sport insgesamt dramatisch steigt. Um diesen Punkt zu verdeutlichen, hier eine Übersicht der 25 erfolgreichsten TUF-Teilnehmer von ufc.com:

Rashad Evans, Gray Maynard, Forrest Griffin, Michael Bisping, Kenny Florian, Diego Sanchez, George Sotiropoulos, Josh Koscheck, Matt Hamill, Nate Diaz, Chris Leben, Matt Wiman, Krzysztof Soszynski, Matt Serra, Mike Swick, Joe Stevenson, Melvin Guillard, Brendan Schaub, Ross Pearson, Joe Lauzon, Stephan Bonnar, Kendall Grove, Cole Miller, Roy Nelson und Matt Mitrione

Auch wenn diese Liste sicher nicht frei von Vorbehalten ist (wo zur Hölle steckt z.B. Ryan Bader?) fällt doch auf, dass von den Genannten ganze sieben aus der ersten Staffel stammen. Je drei kommen aus der zweiten und der dritten, einer aus der vierten, vier aus der fünften, je einer aus der sechsten und der siebten. Danach wird es ziemlich dünn: Aus Staffel Nummer sieben hat es niemand, aus Nummer acht und neun wiederum nur jeweils einer in die Liste geschafft. Die zehnte Staffel steuert immerhin noch einmal drei Kämpfer bei, von den Teilnehmern den Staffeln elf und zwölf ist kein einziger vertreten (zugegeben, sie hatten bisher auch weniger Zeit, sich zu beweisen). Mit anderen Worten: Über die Hälfte der erfolgreichsten TUF-Kämpfer kommt aus den ersten drei Staffeln, obwohl die Show und der Sport seitdem noch an Bekanntheit zugelegt haben und sich somit eigentlich mehr und mehr aussichtsreiche Athleten auf einen Platz bei TUF bewerben müssten.

Über die Ursachen dieses Trends lässt sich nur mutmaßen. Ein häufig ins Feld geführtes Argument ist die Qualität der Verträge, die den Siegern der Show winken. Diese sind zwar für unbekannte und aufstrebende Sportler mittleren Kalibers durchaus attraktiv, aber vom heiligen Gral des Sportgeschäftes, als welcher sie in der Sendung gerne beworben werden, meilenweit entfernt. Die angepriesenen "six figures" (sechs Stellen, Anm. d. Red.) sind zwar möglich, aber keinesfalls garantiert. Im Gegenteil: Schlagen die Kämpfer sich in der UFC nicht so gut wie erwartet, dann kann es schnell passieren, dass sie sich ganz ohne Vertrag und außerhalb von Zuffas Toren wiederfinden; so geschehen etwa bei Efrain Escudero, dem Sieger der achten Staffel, dem nach seiner - nicht gerade katastrophalen - 2:2 Bilanz gekündigt wurde, und der über seine vier Kämpfe sicherlich nicht in die Nähe von 100.000 Dollar gekommen ist. Wenn aber konstante Erfolge innerhalb der UFC die Voraussetzung dafür sind, die Vorzüge des TUF-Sieges tatsächlich in Anspruch nehmen zu können, dann schmälert das die Attraktivität ebendieses Sieges erheblich. Letztlich lassen sich die Kämpfer für mehrere Wochen, fernab ihrer Familien und jeglicher Unterhaltung in ein Haus einsperren, und müssen während dieser Zeit eine Reihe von Kämpfen gewinnen, um als großen Preis nicht etwa 100.000 Dollar zu erhalten, sondern lediglich die Aussicht, möglicherweise in Zukunft 100.000 Dollar und mehr verdienen zu können. Das alles ist zwar, wie gesagt, trotzdem für viele aufstrebende Kämpfer noch ein gutes Geschäft, aber wirkliche Top-Athleten wie z.B. Jon Jones werden angesichts dieser harten Bedingungen lieber den direkten Einstieg bei der Liga suchen, statt sich über die Teilnahme an der Show einen Vertrag zu erkämpfen, der möglicherweise im dritten Jahr seiner Laufzeit weniger lukrativ ist als das, was sie bei freier Verhandlung rausschlagen könnten.

Ein letzter Faktor, der die durchwachsenen Ergebnisse der letzten Staffeln erklären mag, ist die Chemie zwischen den Coaches. Während die bereits erwähnten Evans und Jackson sich auf eine Weise in die Haare bekamen, die tatsächlich Lust auf ihren späteren Kampf machte, konnte sich wohl kaum ein Fan für das dritte Aufeinandertreffen von Lidell und Ortiz erwärmen, und auch Koschecks ärmliche Provokationen verendeten reichlich unspektakulär an St. Pierres Stoizismus. Brock Lesnar, das vermeintliche Zugpferd dieser Staffel, übt nach seiner beinahe-Niederlage gegen Carwin und seiner sehr deutlichen Niederlage gegen Velasquez womöglich nicht mehr die gleiche Faszination auf die Zuschauer aus wie früher, während sein Gegenüber zwar ein exzellenter Kämpfer und furchtbar netter Kerl ist, dem jedoch bisher der Sprung in den Mainstream nicht so recht gelingen wollte. Immerhin: Die UFC liebäugelt gerüchteweise mit dem Gedanken, für die vierzehnte Auflage von TUF Michael Bisping und, die Zustimmung der Athletic Commission vorausgesetzt, Chael Sonnen als Coaches einzusetze. Sollte es dazu kommen, so wäre ein gewisses Pensum an Action und Drama schon einmal garantiert.

Doch selbst wenn die Macher der vierzehnten Staffel tatsächlich ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Kämpfer und Coaches haben sollten, so wäre dies nur die vorübergehende Lösung eines andauernden Problems. Auf lange Sicht täten der Show ein paar grundlegende Umstellungen gut; neue Konzepte und Ideen müssten her, dafür weniger von den längst bekannten Trainingsaufnahmen und nichtssagenden Interviews. Inspiration dafür könnte etwa das kürzlich neuaufgelegte Konkurrenzformat "Tough Enough" der WWE bieten: Im Trailer zur Show sehen wir, wie die Kandidaten von Bluthunden über eine Wiese gejagt und (ausgerechnet!) beim Basketball von einer Kleinwüchsigenmannschaft besiegt werden. Oh, und Bill Demott zermalmt eine zierliche Blondine förmlich im Ring, während Steve Austin das Geschehen mit seiner charakteristisch machohaften Stimme lakonisch kommentiert. Sicher, das ist furchtbar primitiv, aber die erste Folge hat mir Lust auf mehr gemacht. Was ich von The Ultimate Fighter im Augenblick leider nichtbehaupten kann.

Constantijn van Lijnden ist Rechtsexperte und Kolumnist bei GroundandPound. Folgt ihm auf Twitter: @conGnP.