Kolumnen

Split Decision 7: Das Strikeforce Heavyweight-Turnier

Wer macht das große Rennen?

Mit dem kommenden Schwergewichtsturnier kehrt Strikeforce zurück zu den Wurzeln des noch jungen MMA-Sports und präsentiert eine über mehrere Shows verteilte Pyramide hochkarätiger Kämpfe. Die Besetzung ist erstklassig und muss sich dank Fedor, Overeem, Werdum und Barnett nicht hinter der UFC verstecken. Doch wer hat die Nase vorn? Ist Fedor Zeit vorüber oder ist er der Turnierfavorit? Ist Overeem überschätzt oder marschiert er hier durch den nächsten großen Kampfsport-Grand Prix? Hatte Werdum bei seinem Jahrhundertsieg über Fedor nur Glück oder nicht? Und gibt es vielleicht einen geheimen Senkrechtstarter? Das Turnier ist an Spannung kaum zu überbieten - und es polarisiert. Ebenso wie unsere Kolumnisten Jürgen Frigger und Markus Wiemann.

Jürgen Frigger meint:

Das Turnier wird im KO-System ab dem Viertelfinale (sprich: 8 Kämpfer) ausgetragen und wird sich über mehrere Monate erstrecken. Strikeforce geht mit diesem Turnier ein hohes Risiko ein, welches laut CEO Scott Coker kalkuliert sei. Der größte natürliche Feind dieses Unterfangens ist, was man in der Militärwissenschaft „Friktion“ nennt, die Abweichung zwischen Plan und tatsächlichem Ausgang. Je mehr Variablen desto höher das Risiko eines Fehlschlags, und die Variablen sind zahlreich:

  1. Fedors Management ließ schon einmal einen Strikeforce-Event (gegen Werdum) platzen, um den Vertrag nachzuverhandeln (böse Zungen nennen das Erpressung). Er müsste dazu noch drei Mal in einem Jahr antreten, was schwer vorzustellen ist.
  2. Fedor bricht sich in jedem zweiten Kampf eine Hand durch seinen unorthodoxen Sambo-Boxstil, wodurch der Zeitplan ruiniert wäre.
  3. Fedors Management lehnte bereits einen Kampf gegen Overeem aufgrund angeblicher Steroid-Bedenken ab. Erst vor wenigen Wochen wurden diese Bedenken erneuert und könnten dem erhofften Halbfinale einen Strich durch die Rechnung machen.
  4. Verletzungen können und werden auftreten. Sollte ein Ersatzkämpfer gar das Turnier gewinnen (wie bei UFC 3), wäre die Katastrophe komplett und durch den starken Ersatz Daniel Cormier sogar gut vorstellbar.
  5. Barnett hat noch immer keine Lizenz, obwohl sein Kampf im April stattfinden soll. Der mehrfach überführte Dopingsünder bleibt also ein großes Fragezeichen.

Das waren die wichtigsten Fragezeichen außerhalb Scott Cokers Kontrolle. Doch leider sind die  Probleme teilweise hausgemacht. So wurde zunächst in Aussicht gestellt, der Strikeforce-Titel stehe in jedem Kampf des jeweiligen Champions auf dem Spiel und könnte somit innerhalb des Turnieres mehrmals den Träger wechseln. Ein fesselndes Konzept, welches am Ende in jedem Fall einen Champion gekrönt hätte. Einige Tage später die Kehrtwende: Der Sieger des Turniers verdient sich lediglich einen Titelkampf, was ganz einfach idiotisch ist. Verliert Champion Overeem zum Beispiel gegen Fedor und dieser gewinnt das Turnier, so muss er nochmal gegen Overeem um den Titel kämpfen...

Die Verteilung der aussichtsreichen Kämpfer befindet sich in einer wenig nachvollziehbaren Schieflage. Während die beiden Favoriten Fedor und Overeem bereits im Halbfinale aufeinander treffen dürften, wird dem in den Staaten wenig bekannten Josh Barnett der rote Teppich gen Finale ausgerollt. Der Spannungsbogen einer Geschichte sollte nicht auf halbem Weg kulminieren, sonst ebbt das Interesse am Finale merklich ab.

Fazit: Obwohl alle Zeichen auf Fehlschlag stehen, halte ich das Turnier trotzdem für eine richtige, so doch gewagte Entscheidung. Menschen lieben Turniere. Ich konnte sogar meine eigene Frau für das K-1 Finale begeistern, allein aufgrund des Formats. Ohne das Turnier würden wir ohnehin ähnliche Paarungen im Jahresverlauf sehen, jedoch ohne Zusammenhang. Es ist also alles gut und nichts kann schlecht sein. Strikeforce sollte nun allerdings schleunigst die PR-Maschine anwerfen, denn bislang wissen nur die Hardcore-Fans um das Turnier. Sollte Fedor verletzungsfrei bleiben und nicht bockig werden, müsste er das Turnier gewinnen. Overeem kann er nicht nur am Boden besiegen, sondern auch mit ein, zwei harten Punches im Stand. Zu fragil sind das Kinn und die Psyche des Holländers, der Schläge ähnlich gut verkraftet wie Brock Lesnar. Barnett zehrt von seinem Namen und der Rest ist ohnehin zweite Garde.

Markus Wiemann meint:

Also wer einen anderen Favoriten, als „Über-Reem“ auf seiner Liste stehen hat, glaubt entweder an Wunder oder immer noch an Märchen.

Fedor war ein Mythos, aber mal ehrlich: Er hat in den letzten Jahren nur noch Fallobst gekämpft und hatte danach nur einen einzigen überzeugenden Sieg, und zwar gegen Tim Sylvia, eingefahren. Schon der Kampf gegen Andrei Arlovski hätte ein anderes Ende genommen, wenn Arlovski vor seinem Kampf mit dem „Last Emperor“ nicht „I believe I can fly“ von R. Kelly  auf seinen Ipod auf repeat gehört hätte. Der Kampf gegen Rogers ist eine gute Messlatte, da Fedor und der „Demolition Man“ Overeem beide gegen Rogers gekämpft haben. Fedor hat sich einen abgewürgt und Overeem hat Rogers wie ein Spielzeug durch die Gegend geworfen und ihn… nun ja, einfach demoliert.

Wer jetzt glaubt, dass Fedor nach seinem Anfängerfehler gegen Fabricio Werdum nun plötzlich wie Phönix aus der Asche steigt, der glaubt wohl auch an den Weihnachtsmann. Wahrscheinlicher ist es wohl, das der Nimbus des Unbesiegbaren einen ordentlichen Knacks bekommen hat und es Fedor so ähnlich geht wie dem „Iceman“ Chuck Liddell, der früher unbesiegbar war und danach andauernd ausgeknockt wurde. Wer könnte Alistair überhaupt aufhalten? Josh Barnett ist nur dann ein Gegner, wenn er diesmal durch den Dopingtest kommt und Rogers hatte schon im ersten Kampf keine Chance gegen Overeem. Bei Antonio Silva gilt „nomen est omen“, denn er ist auch so ungelenk und langsam wie „Bigfoot“. Fabricio Werdum war schon zu schlecht für die UFC (wurde deshalb sogar gefeuert) und lebt von den Hype, Fedor besiegt zu haben. Fedor hat einen Fehler begangen und Werdum hat daraus Kapital geschlagen, das war es aber auch schon. Werdum ist vielleicht am Boden gefährlich, aber im Stand haut ihm „The Reem“ den Schädel von den Schultern. Hätte der „Pitbull“ Andrei Arlovski nicht so ein Glaskinn, wäre er der Einzige, der im Stand eventuell ansatzweise gegen Alistair bestehen könnte, da er über ganz gutes Boxen verfügt. Sergei Kharitonov ist eigentlich schon weit über seinen Zenit hinaus und wenn er überhaupt auf Alistair treffen sollte, würde ich nicht blinzeln.

Fazit: Alistair Overeem hat nicht nur Geschichte geschrieben indem er gegen die besten Striker im Buisness gewonnen hat (K1 World Grand Prix), sondern er ist auch im MMA so dominant ist wie noch nie in seiner Karriere. Alistair Overeem ist im Moment einfach in seiner Prime und das werden viele im Turnier auf brutale Art beigebracht bekommen. Overeem ist einfach „too much"… zu viel geballte, brachiale Kraft, zu viel technischen Können im Bereich Striking und er hat einfach zu viel Momentum im Rücken. Er ist nicht umsonst Strikeforce Heavyweight Champion, Dream Interim Champion und K1 Grand Prix Champion - für mich der klare Topfavorit im Tunier. Also entweder hat Fedor ein „märchenhaftes“ Comeback und die Niederlage hat ihm gut getan oder Overeem fährt wie eine Planierraupe durch den gesamten Event!

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