Kolumnen

Split Decision 4: Stand-Ups

Sind Stand-Ups die Lösung, wenn MMA zum Käfig-Kuscheln verkommt?

Während die ersten UFC-Kämpfe vor 17 Jahren kaum länger dauerten als eine Minute, erleben wir heute immer mehr Punktentscheidungen. Diese sind nicht nur häufig umstritten, sondern lassen die Befriedigung einer klaren Entscheidung durch KO oder Aufgabe vermissen. Schließlich ist MMA ein Kampfsport, kein Turmspringen. Die Verantwortlichen für diese Entwicklung sind schnell gefunden: Ringer, mit mangelnden Grapplingkenntnissen. Gastschreiber Mark Bergmann und ich sind geteilter Meinung über die Ursprünge und Lösungen des Problems.

Mark Bergmann meint:

Passiert im MMA bei einem Bodenkampf längere Zeit nicht viel, werden beide Kontrahenten in der Regel wieder aufgestellt. Doch warum sollte man bei Inaktivität einen Fight unterbrechen? Mir erschließt sich der Sinn nur zum Teil. Sicher bezahlt das Publikum Unsummen für Eintrittskarten, Pay-Per-View-Käufe und DVDs. Aber ich betrachte MMA nach wie vor als den realitätsnahesten Kampfsport der Welt – auch wenn wir vom quasi regellosen Stil der Anfangsjahre mittlerweile weit entfernt sind.

Fakt ist: Der MMA-Sport soll einen realen Zweikampf simulieren und beiden Athleten, ganz gleicher welcher Disziplin angehörig, eine möglichst große Handlungs- und Gestaltungsfreiheit gewähren, um ihren Kontrahenten zu besiegen. Es spielt dabei keine Rolle, ob ein Thaiboxer seinen Gegner mit einem Kick ins Land der Träume schickt, ein Submission-Grappler seinem Gegenüber den Arm verknotet oder – und jetzt kommt der Punkt – ein Ringer nach erfolgreichem Takedown 15 Minuten lang regungslos herumliegt und so den öden Punktsieg einheimst.

Zuerst muss einmal gesagt werden, dass das Publikum die gesamte Situation oftmals verkennt. Was vielleicht wie Faulenzen in der Sidemount des Gegners aussieht, fordert unter Umständen gute Balance und einen enormen Kraftaufwand des Obenliegenden. Vielleicht ist der dominante Kämpfer auch gewillt zu arbeiten, wird vom Untenliegenden aber permanent sabotiert und geklammert, weil der schon auf den Stand-Up spekuliert. Takedownabwehr und Submissionverteidigung müssen bei Standkämpfern im Grunde nur rudimentär vorhanden sein, das bloße Festhalten des Gegners rettet schließlich in den ersehnten Stand-Up. Führt man den Gedanken weiter, so klammern Kämpfer mit mangelnden Grapplingfähigkeiten nach erfolgreichem Stand-Up zunehmend öfter und produzieren somit noch viel mehr langweilige Fights. Das kann nicht im Sinne der so oft gepriesenen „Evolution des Kampfsports“ sein.

Zum allseits verteufelten „Lay 'n' Pray“ (also dem inaktiven Verharren in einer dominanten Position am Boden) gehören in der Regel immer zwei. Es gibt Gewichtsklassen, ist ein Kämpfer in Unterlage also nicht fähig a) sich zu befreien oder b) eine Submission wenigstens zu versuchen, um einen Positionswechsel des Gegners zu provozieren, so sind die Unterschiede in Kraft und Können zwischen beiden Kämpfern derart hoch, dass der Dominierte in meinen Augen (noch) nichts auf einer Veranstaltung von so hohem Niveau verloren hat – egal wie gut er im Stand auch sein mag.

Zwei Striker werden bei einer längeren Abtastphase zu Beginn des Kampfes ja auch nicht auf den Boden verwiesen.

Natürlich ist es nicht besonders Interessant für das Publikum, zwei Kämpfer drei Runden lang herumliegen zu sehen. Auch ich möchte mir so etwas nicht anschauen. Das Regelwerk aufgrund einiger langweiliger Kämpfer aber derart zu verhunzen, halte ich für falsch. Um dem „Lay 'n' Pray“ einen Riegel vorzuschieben sollte man „langweilige“ Kämpfer stattdessen lieber schlechter bezahlen, mit Geldstrafen konditionieren und mittelfristig einfach entlassen.

In der UFC gibt es einen Bonus für den besten KO, die beste Submission und den besten Fight des Abends. Bei der japanischen Pride-Organisation gab es bei Inaktivität gelbe Karten und damit einhergehend 10% weniger Gage. Beide Motivationssysteme sind in meinen Augen richtige Ansätze und müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Zuckerbrot und Peitsche gewissermaßen. Natürlich kann man nie komplett verhindern, dass selbst von den unterhaltsamsten, explosivsten Kämpfern auch mal einschläfernde Performances abgeliefert werden. Aber in welchem Sport kann man das schon?

Bei lahmen Boxkämpfen zwingt man die Kämpfer auch nicht, die Deckung fallen zu lassen. Wie viele langweile Fußballpartien gab es, allein im letzten Jahr? Dennoch gibt es bislang noch immer keine Elfmeterregel, für den Fall, dass 10 Minuten lang kein Tor fällt.

Mein Fazit: Stand-Ups sind schlecht für den MMA-Sport. Kämpfer, die am Boden langweilige Fights fabrizieren, gehören gefeuert und nicht motiviert, indem man ihnen durch Stand-Ups in die Karten spielt.

Jürgen Frigger meint:

Wer sagt, dass MMA eine möglichst genaue Simulation eines realen Zweikampfes sein soll? Die Gracies zum Beispiel. Sie zogen sich schon früh aus dem Sport zurück, aufgrund der eingeführten Runden und Zeitlimits. Als dann noch Kopfstöße, Tiefschläge und viele weitere Techniken verboten wurden, wandelte sich MMA von der Kampfsimulation zu einem legitimen Sport. Ein Sport jedoch, der schon immer enge Bindung zum Pro-Wrestling hatte. Es ist kein Zufall, dass gerade die Einschaltquoten der WWE unter dem Aufstieg der UFC litten. Die klassischen Sportarten Baseball und Football verloren keine Fans.

Um zu verstehen, was MMA im Westen bedeutet, muss man die Zielgruppe kennen: Männer im Alter von 18-34 (mit Einschränkungen 18-49). Die meisten von uns gehören genau in diese Zielgruppe und wissen daher um die Attribute derer: Wir sind Testosteron gesteuerte Primaten, die Gewalt und Internetpornos sehen wollen. Obwohl der Boxsport ähnliche Eigenschaften hat wie MMA, ist dessen Zielgruppe jedoch viel älter und gesetzter.

Als Jake Shields seinen Strikeforce-Titel gegen Mayhem Miller im Zuge eines 5-Runden Dryhumpings verteidigte, brach die Einschaltquote ein. Normalerweise steigt die Quote im Verlauf eines Events und gipfelt im Hauptkampf. Niemand möchte Ringer sehen, die mit minimalem Aufwand und Risiko eine Punktentscheidung gewinnen. Nun gibt es Fachleute wie Jordan Breen, die meinen: Kämpfer sollten lernen, sich dagegen zu verteidigen statt sich zu beschweren und Stand-Ups sollte es niemals geben. Nun, dann können wir den Sport gleich beerdigen. Dann sind wir wieder zurück in der Coleman-Ära der späten 90er. Keiner kauft die PPVs mehr, der Sport zieht kein neues Talent mehr an, weil es nichts zu verdienen gibt. Die besten Athleten schlagen fortan wieder Football- oder Wrestling-Karrieren ein.

Es ist unbestritten korrekt, dass in vielen Fällen der am Boden liegende Kämpfer für die Inaktivität sorgt. Er hält und klammert und wartet bis der Ringrichter beide Kontrahenten wieder aufstehen lässt. Nun, das ändert leider nicht allzu viel. Die Gegner von Fitch, McKee, Shields und anderen Ringern, werden sicherlich nicht die gesamte Kampfdistanz tatenlos am Boden liegen und auf ein Wunder hoffen. Ein Weltklasse-Ringer mit 15 Jahren Berufserfahrung kann fast jeden Gegner am Boden festnageln. Das ist ein Fakt! Warum tut der Ringer das? Weil Takedowns und „Octagon Control“ Wertungskriterien sind. In Japan zählt ein Takedown nur dann, wenn er zu etwas führt. Das ist genau der richtige Ansatz. Es sollte in einem Kampfsport keine B-Note geben. Wer am meisten Schaden austeilt, sollte gewinnen.

Mein Hauptargument pro Referee Stand-Ups ist jedoch die knappe Kampflänge. 3 x 5 Minuten lassen nur ein kurzes Zeitfenster, um den Sieger zu bestimmen. Innerhalb dieses Limits muss es den Kontrahenten ermöglicht werden, im Rahmen der Regeln den besseren Kämpfer zu bestimmen. Nur weil ein Ringer seinen Gegner 15 Minuten lang pinnen kann heißt nicht, dass er in einem realen Zweikampf ohne Zeitlimit gewinnen würde. Doch selbst wenn dieser reale Kampf in einem Sieg des Ringers durch Aufgabe nach 93 Minuten endet: wer zum Teufel würde sich das anschauen? Selbst Curling (professionelles Bodenschrubben) ist interessanter!

Lösungsansätze:

Ich war immer ein Anhänger der gelben Karten in Pride. Soweit ich weiß, sind diese jedoch nicht bei den US-Sportkommissionen durchführbar. Außerdem sollte das Geld nicht in die Taschen des Veranstalters fließen, sondern direkt an die Zuschauer verteilt werden (Nachlässe bei Tickets und PPV des nächsten Events). Die beste Lösung ist meiner Ansicht nach jedoch, den Siegbonus (der meistens 50% der Börse ausmacht) durch einen Finish-Bonus zu ersetzen. Wenn die Hälfte deines Gehalts nur dann ausbezahlt wird, wenn du einen Kampf vorzeitig beendest, dann ist Lay&Pray Geschichte.

Mein Fazit: MMA ist Sports-Entertainment und wird von einer Zielgruppe finanziert, die Action für ihr Geld fordert. Ohne deren Geld zieht der Sport kein Talent an. Indem man zusätzlich zum „KO/Submission of the Night“ den Sieg-Bonus durch einen Finish-Bonus ersetzt, schafft man die besten Voraussetzungen für unterhaltsame Kämpfe.

 

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Die bisherigen Split Decisions:

Split Decision 1: Steroide im Sport
Split Decision 2: "Showboating"
Split Decision 3: Weight Cutting