Kolumnen

Split Decision 2: "Showboating"

Mit dem jüngsten Auftritt von Anderson Silva bei UFC112 in Abu Dhabi sorgt das "Showboating" wieder für heftigen Gesprächsstoff. Ist "Showboating" ein respektloses Verhalten gegenüber dem Gegner, oder ist es vielmehr ein strategisches Werkzeug?

Markus Wiemann meint:

Es fällt mir schwer beim Thema "Showboating"  ein generelles Urteil zu fällen, da ich es bis zu einer gewissen Grenze auch unterstütze. Wenn ich z.B. ein Konterkämpfer bin ergibt es durchaus Sinn meinen Gegner ordentlich zu reizen, damit er vielleicht dazu verleitet wird anzugreifen und ich ihn auskontern kann. Auch hat es einen nicht bestreitbaren Unterhaltungswert, wenn jemand ein richtiges "Affentheater" veranstaltet und seinen Gegner zur Weißglut bringt und dies für sich dann zum Vorteil nutzt.

Aber ich lehne es ab, wenn das "Showboating" nicht als taktisches Mittel während eines Kampfes benutzt wird, sondern es lediglich nach einem Kampf dazu dienen soll seinen Gegner zu verhöhnen. Ich mag es auch nicht, wenn das "Showboating" zum Selbstzweck wird und der Kampf mehr zu einer Riverdance Veranstaltung verkommt, weil z.B. Anderson Silva bei UFC112 drei Runden lang wie ein Bekloppter von einen Bein aufs andere hüpft und obendrein noch seinen Gegner beschimpft. Irgendwann ist dann auch mal das Maß voll, vor allen wenn sich herausstellt, dass die Aktionen unfruchtbar sind und somit überflüssig und man selber nicht performt. Sowas will ich als MMA Fan nicht sehen! Ich will Kämpfer sehen die kämpfen und keine Kämpfer die sich wie ein Clown auf Speed verhalten. Wenn man schon "showboatet", dann muss man zumindest das Zeug und den Willen dazu haben auch großartige Taten folgen zu lassen wie z.B. der angesagte KO von Shamrock gegen Baroni, dann ist das auch Entertainment!

Fazit: Wie Bas Rutten immer wieder sagt "Kämpfen ist 100% mental" und so verstehe ich es, dass man "Showboating" als Waffe in der psychologischen Kriegsführung während eines Kampfes benutzt, aber nach einen Kampf sollte man sich auch daran erinnern das MMA in der Tradition der ostasiatischen Kampfkünste steht und da hat der Respekt vor dem Gegner höchste Priorität.

 

Jürgen Frigger meint:

Showboating vergrantet selbst den kleinsten Wicht zum Helden. Nehmen wir den Boxsport als MMAs engsten Verwandten aufgrund der ungleich längeren Geschichte. Die besten Boxer der Geschichte waren Leute wie Jack Johnson, Joe Louis, Archie Moore, Gene Tunney und Sugar Ray Robinson. Doch wer wird am häufigsten als „greatest of all-time“ bezeichnet? Ausgerechnet Muhammad Ali, der sich ständig gegen mittelmäßige Gegner schwer tat. Ali sicherte seinen Platz im Box-Olymp mehr durch Showboating und Selbstvermarktung als durch sportliche Leistungen. Er verkörpert die Weisheit: „There's no such thing as bad press.“ Erfolgreich wirst du, indem du sportliche Leistungen mit der Liebe oder dem Hass des Publikums in Einklang bringst. Hauptsache, man erinnert sich deiner, egal ob berühmt oder berüchtigt. Die belanglosen grauen Mäuse verschwinden im Nexus.

Soweit die nüchterne ökonomische Betrachtung und hin zur soziologischen Bewertung. Wenn ein Mike Tyson den Nachwuchs des Gegners auf seinen Speiseplan bringt, dann ist dieses Gebaren zwar ein wirtschaftlicher Volltreffer, so doch in gleichem Maße ein Verstoß gegen jede Moralvorstellung. Was in besseren Tagen als asoziales Verhalten verpönt worden wäre, gilt der heutigen Jugend als cool.  Die Assoziation des Kunstwortes „Gangsta“ ist durchweg positiv, gar erstrebenswert. Sobald die Kriminalstatistik davon berührt wird, hört der Spaß allerdings auf. Showboating hat seine Grenzen.

Dabei ist Volkes Justitia natürlich auf einem Auge blind. Ex-Champ Rashad Evans ist dem Durchschnittsfan ein Bilderbuch-Bösewicht. Dabei handelt es sich um einen eloquenten, charmanten und hochgradig anständigen studierten Psychologen, der einfach die Mechanismen des Geschäfts versteht. Sein Showboating ist weder primitiv noch geschmacklos, sondern innovativ und harmlos. Überhaupt ist der Grat zwischen Liebe und Hass des Publikums ein denkbar schmaler. Der von Markus angesprochene Anderson Silva wäre gerade durch sein comicartig überzogenes Showboating zum Fanfavoriten geworden, hätte er auf dem Höhepunkt den Kampf spektakulär beendet. Erst als sein Showboating ausklang und die letzen beiden Runden im Sande verliefen, begannen die Buhrufe und hallen bis heute nach.

Fazit: In einem Sport, der keinen transparenten Ranglisten folgt, ist Selbstvermarktung ein Vehikel des Erfolgs. Die ökonomische Formel lautet dabei: Je mehr desto besser. Doch der Wirtschaft werden auch im richtigen Leben Grenzen gesetzt, aus gutem Grund. So muss der Promoter bzw. der übertragende Sender dem Showboating auf die Finger schauen und es in akzeptablen Bahnen halten. Letzten Endes leben wir doch alle lieber in einer Welt, in der Jugendliche den Helden nacheifern und nicht den Schurken.

 

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Die vergangene Split Decision:

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