Kolumnen

MMA-Tagebuch: M-1 Challenge in Tiflis, Georgien - Teil 3

Die Arena von M-1 Challenge 55 (Foto: M-1 Global)

Tiflis ist eine Stadt der Gegensätze. Atemberaubend schöne Natur steht im krassen Kontrast zu verfallener Sowjet-Architektur, es gibt harte Kerle und grenzenlose Gastfreundschaft. Für M-1 Challenge 55 durfte ich die Perle Georgiens besuchen. Das ist ist mein Tagebuch.

Heute ist der große Tag, die 55. M-1 Challenge steht an. Ich habe schon wieder ungewöhnlich lange geschlafen. Kann man bei drei Stunden Zeitverschiebung schon von Jetlag sprechen? Auf jeden Fall muss ich mich sputen, um meinen Interviewtermin mit M-1-Präsident Vadim Finkelchtein nicht zu verpassen. Wir sind um 12 Uhr verabredet, das Frühstück lasse ich also ausfallen.

Das etwa 30-minütige, hochinteressante Gespräch wird nur von einer Kellnerin, die das Tablett fallen lässt und gelegentlichen Anrufen unterbrochen, die Vadim entgegennehmen muss. Denn sein patentierter „Rage“, eine Mischung aus Ring und Cage, ist noch immer nicht vor Ort. Der Zoll in Aserbaidschan hatte Probleme gemacht. Nun ist das Teil unterwegs, wird aber vorraussichtlich nicht rechtzeitig zum Event eintreffen. Es wird umdisponiert, die Kämpfe werden nun in einem normalen Boxring stattfinden. Vadim nimmt indes kein Blatt vor den Mund, spricht über Doping, die Angst, dass Kämpfer zur UFC abwandern und zeigt mir sogar die Einschaltquoten seiner Shows - und die der UFC. Die Zahlen überraschen. Ich freue mich über das gute Material. Das Video-Interview gibt es in den nächsten Tagen.

Baden im Schwefel

Anschließend mache ich mich auf zu den berühmten Schwefelbädern von Tiflis; Badeanstalten, die an natürlichen Schwefelquellen liegen. Eine etwa 20-minütige Fahrt mit dem Taxi kostet normalerweise höchstens fünf Lari, umgerechnet rund 2,30 Euro. Ausländern knöpfen sie dafür gern schon mal 10 Lari ab, mein Fahrer wollte 15. Ich gebe ihm 10 und er fährt meckernd davon. 

Im „Royal Bath“ werde ich von einer „freundlichen“ alte Dame begrüßt, die mir sofort erklärt, dass es hier nur private (Einzel-) Bäder gibt, die 60 Lari pro Stunde kosten. Da mir knapp 30 Euro dann doch ein wenig zu viel sind, frage ich nach einem Gruppenbad. Sie pflaumt mich an, dass es hier keine Gruppenbäder gibt: „Go street!“, werde ich von ihr herausgeworfen.

Go street war keine schlechte Idee, denn direkt nebenan finde ich ein Gruppenbad für drei Lari die Stunde. Männer und Frauen baden getrennt, gebadet wird wie in türkischen Bädern nackt. Ich misstraue zunächst dem etwas zwielichtigen Aufsichtspersonal, das die Schlüsselgewalt über die Spinde - und damit meine Wertsachen - besitzt, meine Angst war jedoch unbegründet. Die Männer sind sehr nett und interessieren sich eher für meine Zigaretten, als für mein Smartphone. Denn in Georgien wird fast überall und ständig geraucht, sogar in den Umkleidekabinen. Im Bad selbst glücklicherweise nicht. Den leicht penetranten Schwefelgeruch muss man ab können, damit war zu rechnen. Davon abgesehen ist das Ganze eine entspannte Angelegenheit. Nach einer Stunde schwitzen fühlen ich mich erholt und bereit für den Rest des langen Tages.


Stinkt gewaltig - aber entspannt. Die berühmten Schwefelbäder von Tiflis.

Georgische Gastfreundschaft

Nach dem Bad spaziere ich ein Stück durch die Altstadt und sehe oben auf einem Berg die Festung, die ich mir eigentlich am Tag zuvor schon ansehen wollte. Die Altstadt kann sich sehen lassen, kleine Cafes und Restaurants stehen malerisch an den Füßen der Berge. Leider fehlt mir die Zeit mich genau umzusehen. Ich habe Hunger und setze mich in ein georgisches Restaurant, wo ich eine landestypische Spezialität bestelle: Khachapuri, eine Art Käsepizza mit zusätzlichem Schafskäse im Teig. Sehr lecker! Besonders schön: Vorweg bekomme ich vom Wirt einen Chacha umsonst, einen Traubenschnaps. Da der praktisch mein Frühstück ist, geht er schnell ins Blut. Gut gelaunt fahre ich zum Event.

Dort konnte unser Deutscher Max Coga beeindruckend gewinnen. Den kompletten Veranstaltungsbericht gibt es hier: M-1 Challenge 55 Veranstaltungsbericht.


Die Altstadt von Tiflis und, über ihr thronend, die Festung Nariqala.

Gegen elf ist die Show vorüber und alle Kämpfer, Trainer und Veranstalter treffen sich im Restaurant unseres gegenüberliegenden Hotels. Dort gibt es Essen und Wein umsonst – gute Voraussetzungen für einen netten Abend. Der wird es dann auch. Zwar verlassen die meisten die „Afterparty“ bereits nach einer oder zwei Stunden, ich dagegen bleibe mit UFC-Veteran Luigi Fioravanti, seinem Trainer Enrique und der M-1-Presselady Daria noch lange sitzen und bin bei mehreren Flaschen Wein und Chacha in unterhaltsame, teils witzige, teils hochspannende Gespräche vertieft. Es geht um M-1, die UFC, den Krieg im Irak und in Afghanistan (Luigi und Enrique waren beide US-Marines) und vieles andere mehr. Es wird getrunken, diskutiert, gelacht und sogar etwas gezaubert - dieser Abend allein würde ein gesamtes Tagebuch füllen.

Ein Millionär aus Tiflis, einer der Ehrengäste der M-1 Challenge, kommt bevor er geht an unseren Tisch und erkundigt sich, wie es uns in seinem Land gefallen hat. Als wir bekräftigen, unseren Aufenthalt genossen zu haben, greift er wie der Weihnachtsmann in einen großen Sack und hat für jeden von uns eine Flasche edelsten Chachas als Gastgeschenk dabei. Wir bedanken uns überschwänglich und köpfen die ersten beiden Flaschen noch in derselben Nacht.

Gegen vier Uhr morgens steht unser Busshuttle zum Flughafen bereit, Luigi ist jedoch inzwischen eingeschlafen und durch nichts und niemanden mehr wach zu bekommen. Da Referee Marco Broersen und seine Jungs vom Punktgericht deshalb fast ihren Flug verpassen, werde ich gebeten einzusteigen. Später treffe ich das Ami-Duo am Flughafen wieder. Beide sehen aus wie ich: wie Zombies.

17 Stunden und eine Menge Kaffee später bin ich, nach insgesamt 5 Stunden Flug und 12 Stunden Aufenthalt an den Flughäfen in Tiflis und Wien, endlich wieder zu Hause. Wieder einmal ist ein spannendes Wochenende vorüber, das ich so ohne Kampfsport wohl niemals erlebt hätte. MMA ist ein toller Sport, denke ich mir. Er verbindet Menschen aus der ganzen Welt und hat mich Dinge und Orte sehen lassen, die ich nie mehr vergessen werde.

Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Aber während ich diese Zeilen schreibe, freue mich mich bereits auf den nächsten Trip - wo auch immer er mich hinführen mag.


Hier geht es zu Teil 1 des MMA-Tagebuchs

Hier geht es zu Teil 2 des MMA-Tagebuchs

Hier findet ihr eine kleine Bildergalerie mit Impressionen aus Tiflis.