Kolumnen

MMA-Tagebuch: M-1 Challenge in Tiflis, Georgien - Teil 2

Ausblick vom Freizeitpark in die Berge von Tiflis (Fotos: Mark Bergmann)

Der erste Tag in Georgien ist vorüber, die 55. M-1 Challenge ist nur noch einen Tag entfernt. Nun beginnt die Arbeit  - aber auch das Sightseeing. Das ist mein Tagebuch.

In all meinen Jahren als Groundandpound-Reporter habe ich eine Faustregel gelernt: Je weiter man nach Osten reist, umso verrückter werden die Events. Durchgeplanten Perfektionismus halten Osteuropäer nämlich für Zeitverschwendung, und so kommt es, dass die für 11:30 Uhr angesetzte Pressekonferenz in der Arena neben dem Hotel erst gegen 12 beginnt. 

Ist eh noch keiner da, also kann der Ton-Mensch auch noch etwas Zeit mit dem Soundcheck totschlagen. Gebracht hat das natürlich nichts; als die PK endlich beginnt, funktioniert nur eins von fünf Mikros – und zwar mit einem penetranten Hintergrundrauschen und ständigen Rückkopplungen, so dass die anwesenden Kämpfer und M-1-Präsident Vadim Finkelchtein regelmäßig im Gesicht zusammenzucken als hätten sie einen kollektiven Schlaganfall nach dem anderen.

Suboptimal für Kenny Garner – den einzigen Nicht-Osteuropäer vorn am Tisch – und mich: Es wurde noch Minuten vor der PK fieberhaft nach einem Georgisch-Übersetzer gesucht. Wer nämlich glaubt, dass Georgisch und Russisch ganz ähnliche Sprachen sind, irrt. Die unterscheiden sich nicht nur im Schriftbild erheblich. Der Übersetzer wurde in letzter Sekunde gefunden, darüber hat man aber offenbar einen Englisch-Übersetzer vergessen. Ich mache also Pause und gucke im Team mit Garner dumm aus der Wäsche, während vorne die Show läuft, von der ich kein Wort verstehe.


Kenny Garner verstand genauso viel wie ich: nichts.

Das Wiegen

Bei all den UFC-Veranstaltungen habe ich gelernt, dass man sich zum Wiegen einen Platz ganz vorne sichern sollte um die besten Bilder zu bekommen. Und da ich ja schon eine halbe Stunde vor den meisten anderen da war, habe ich tatsächlich einen Sitz in der ersten Reihe ergattert und freue mich. Zu früh, wie sich herausstellt.

Es gibt keine Unterteilung in Presse und Betreuer. Spätestens als die Kämpfer des Hauptprogramms auf die Waage steigen, stehe ich daher in einem Pulk aus Trainern, Teamkollegen, Familienangehörigen und anderen Medienvertretern, die wie ein laut umherplappernder und wild gestikulierender Lavastrom in Zeitlupe mehr und mehr nach vorn rutschen.

Ich habe dennoch ein paar Bilder bekommen, eine kleines Interview mit unserem Deutschen Max Coga geführt und kann nun einpacken. Draußen im Gang treffe ich Vadim Finkelchtein und plaudere ein wenig mit ihm. Während des Gesprächs staune ich immer wieder, wie groß der MMA-Sport in Osteuropa doch ist. Vadim zeigt mir die Halle, in die locker 7 bis 8.000 Zuschauer passen. Dort unten, sagt er, wird morgen der Premierminister von Georgien sitzen, und neben ihm der Innenminister, der M-1 eigenhändig nach Georgien geholt hat. Ich stelle mir vor, wie Angela Merkel und Thomas de Maizière bei GMC in der ersten Reihe zuschauen.

Auf Wolfsjagd

M-1 Challenge 55 wird in Gedenken an den ersten M-1-Schwergewichtschampion Guram Gugenishvili veranstaltet, der im vergangenen November bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen ist. Als ich gestern gesehen habe, wie es hier auf den Straßen zugeht, hat mich das nicht mehr gewundert. Gugenishvilli ist aber nicht etwa bei einem normalen Unfall gestorben, nein. Guram Gugenishvili starb während der Wolfsjagd.

Richtig gelesen: bei der Wolfsjagd. Es gibt wohl keine männlichere Art zu sterben. Wie Vadim mir erklärt, schaute der Hühne gerade mit dem Gewehr aus dem Dach seines Wagens, als der Unfall passierte. Traurig. Aber irgendwie auch faszinierend.


Vielleicht hat Guram Gugenishvili hier Wölfe gejagt.

Vadim verabschiedet sich und verspricht mir für den folgenden Tag ein längeres Interview. Er muss sich nun erst einmal darum kümmern, seine Wettkampffläche zu besorgen. Der patentierte „Rage“, eine Mischung aus Ring und Cage, hängt nämlich noch immer an der 500 Kilometer entfernten Grenze zu Aserbaidschan fest. Und ohne Rage keine Competition, weiß doch jeder.

Sightseeing in Tiflis

Als ich nach einigen Stunden meine Arbeit erledigt habe, dusche ich mich schnell und mache mich auf zum Sightseeing. Ich will zur Festung Narikala, die malerisch auf einem Berg liegt und mit einer Art Seilbahn erreicht werden kann. Ich lasse mir ein Taxi rufen und erkläre dem Fahrer mit Händen und Füßen: „Narikala“ und mache eine aufsteigende Bewegung mit meinen Händen. Er nickt und fährt mich zu einer Art Bergbahn, in die ich frohen Mutes einsteige.

Oben angekommen sehe ich jedoch keine Festung, nur ein nobles Restaurant und einen gottverlassenen Freizeitpark. Ich laufe ein wenig herum, aber begreife schnell: Hier gibt es keine Festung, ich bin auf dem falschen Berg. Dafür entschädigt der atemberaubende Blick auf die Millionenmetropole Tiflis und die schneeweiße Gebirgskette, die sie umgibt. Nach einer Weile habe ich mich sattgesehen und fahre wieder herunter. Ich beschließe, mich am Fuß des Berges ein wenig in der Innenstadt umzusehen.

Das Stadtzentrum von Tiflis kann sich sehen lassen.

Was ich in Teil 1 vergessen hatte zu erwähnen, ist, dass es in Georgien keine Fußgängerampeln gibt. Und wenn, dann nur alle paar Kilometer. Das macht es immer wieder zum spannenden Abenteuer, die drei- bis vierspurigen Hauptstraßen zu überqueren - den Fahrstil der Georgier hatte ich ja bereits erwähnt. 

Nachdem ich gestern bei meiner Ankunft eher verlassene und verfallene Ruinen zu Gesicht bekommen habe, präsentiert sich der Stadtkern von Tiflis deutlich rausgeputzter. Ich lasse mich ein wenig durch die Straßen treiben, bevor der Regen einsetzt und mich ein Taxi ins Hotel zurückbringt. Anschnallen gilt in Georgien im Übrigen als offene Beleidigung des Fahrers, das lasse ich also.

Auf meine dilettantische Adressbeschreibung antwortet der Taxifahrer nur mit einem unfreundlichen Knurren. An mir liegt’s aber scheinbar nicht, denn als sein Telefon klingelt, besteht sein „Gespräch“ ebenfalls nur aus drei kurzen Knurr-Lauten. Vielleicht ist das aber auch nur eine Art georgische Zustimmungsbekundung.

Im Hotel angekommen tippe ich bei einem Bier aus der Region noch ein wenig auf dem Laptop und erkläre den Tag anschließend für beendet. Morgen ist der Event. Ich freue mich.

Hier geht es zu Teil 1 des MMA-Tagebuchs

Hier findet ihr eine kleine Bildergalerie mit Impressionen aus Tiflis.