Kolumnen

Macht und Medien

Zuffa-Gründer: Dana White (mitte) und die Brüder Frank (l.) und Lorenzo Fertitta. Foto viaglobalbrawler.com.

Seit der Übernahme durch Zuffa hat die UFC zwei erklärte Absichten: Den eigenen Namen mit dem Begriff Begriff "MMA" synonym werden zu lassen, und die Mixed Martial Arts zur beliebtesten Sportart der Welt zu machen. Doch womöglich entfernt sich die Liga immer weiter von ihrem zweiten Ziel, je mehr sie sich dem ersten nähert. Ein kritischer Blick auf die Medienpolitik von Dana White & Co.

MMA ist in Deutschland ein Nischensport, in den USA hingegen längst im Mainstream angekommen - so die Lehrmeinung. Stimmen tut davon allerdings nur die erste Hälfte. MMA mag in den USA weniger exotisch sein als bei uns, aber "Mainstream" ist der Sport dort in etwa so sehr, wie hierzulande Volleyball. In Zahlen ausgedrückt: Das letzte Pay-Per-View Event der UFC (128) sahen 450.000 Menschen, die Vorkämpfe im Free-TV erreichten 1,3 Millionen Zuschauer. Demgegenüber verfolgen im Schnitt rund 19 Millionen die Spiele der NFL, 14 Millionen fiebern bei Major League Baseball mit, und selbst zu den krisengebeutelten NASCAR Rennen schalten im Mittel sechs Millionen Amerikaner ein. Noch extremer wird der Unterschied, wenn man die Spitzenevents der Sportarten vergleicht: Ihren bisherigen Rekord für Vorkämpfe im Free-TV erzielte die UFC am 5. Februar 2011 mit zwei Millionen Zuschauern. Am selben Wochenende erreichte auch die NFL eine neue Höchstmarke, als 111 Millionen Amerikaner das Spiel der Green Bay Packers gegen die Pittsburgh Steelers verfolgten. UFC-Präsident Dana White betont zwar oft und gerne, dass seine Wettbewerber schon längst nicht mehr andere MMA-Ligen, sondern die großen amerikanischen Sportarten seien, doch von Seiten der vermeintlichen Konkurrenz darf er angesichts der obigen Zahlen nicht viel mehr als ein müdes Lächeln erwarten.

Das soll nun freilich keine Kritik an der UFC sein. Für eine Liga, die noch vor wenigen Jahren beinahe in die Insolvenz gemusst hätte, von der Öffentlichkeit geschmäht und seitens der Politik als menschlicher Hahnenkampf bezeichnet wurde, hat sie eine sensationelle Entwicklung hinter sich. Darüber darf sich jeder Fan des Sports freuen, aber er sollte über seine Freude nicht vergessen, dass der Weg, den die Liga hinter sich gebracht hat, weitaus kürzer war als jener, der noch vor ihr liegt, wenn sie allen Ernstes zum (amerikanischen) Nationalsport avancieren will. Ja, tatsächlich spricht so manches dafür, dass sie dieses hehre Ziel niemals erreichen wird. Zunächst sind da die offensichtlichen Bedenken: Dass die Kämpfe nicht mehr von einem landesweiten Verbot bedroht sind, bedeutet keinesfalls, dass sie allerseits gutgeheißen werden. Ein nicht unerheblicher Prozensatz der Amerikaner - ähnliches gilt wohl für die meisten anderen Länder - wird einem Sport, in dem zwei Männer sich in einem Stahlkäfig ohnmächtig zu schlagen suchen, niemals seinen Segen geben, ganz gleich, was Zuffa an Öffentlichkeitsarbeit leistet.

Der Kreis der ewiglich Empörten bleibt dem Spektakel also auf Dauer fern - nun gut, das wäre zu verschmerzen. Doch auch von einer vollständigen Durchdringung der liberalen, potentiell interessierten Bevölkerungsschicht kann bei Weitem nicht die Rede sein. Wenn der Sport in den USA auf lange Sicht mehr werden will, als eine erfolgreiche Nebenattraktion, dann ist er vor allem auf die beständige Aufmerksamkeit der großen (Sport)medien angewiesen. Umso verwunderlicher, dass Zuffa derzeit alles in seiner Macht stehende tut, um es sich mit eben diesen Medien zu verscherzen. Da wäre zunächst die Akquise der Konkurrenzliga Strikeforce vor gut einem Monat, zweifellos die größte Nachricht, die der Sport im Jahr 2011 produzieren wird. Wie wurde diese Botschaft an die Öffentlichkeit getragen? Über ein exklusives Interview auf ESPN, der Nummer eins im amerikanischen Sportfernsehen? Über einen Artikel in der Sports Illustrated, der größten amerikanischen Sportzeitschrift? Nein, über ein Youtube-Interview mit Ariel Helwani, der zwar in der MMA-Szene als Reporter einen guten Ruf genießt, von dem aber 99,9% der amerikanischen Öffentlichkeit noch nie etwas gehört haben.

Nächstes Beispiel: Das Strikeforce-Event Diaz vs. Daley am 9. April in San Diego. Unter dem vorgeschobenen Hinweis begrenzter Ressourcen wird der Reporterin Loretta Hunt vom amerikanischen Fernsehsender CBS, und Josh Gross von ESPN die Presseakkreditierung verweigert. Das ist in etwa so, wie wenn in Deutschland die Korrespondenten von ARD und RTL keinen Zutritt erhielten, weil die Plätze doch so knapp seien. Tatsächlich hatte die Weigerung natürlich herzlich wenig mit Platzmangel zu tun: Dana White hatte mit Hunt und Gross ein Hühnchen zu rupfen, da beide ihn in der Vergangenheit mit Artikeln verärgert hatten, die der UFC gegen den Strich gingen. CBS und ESPN könnten ja andere Mitarbeiter schicken, wenn sie seitens Zuffa wieder anerkannt werden wollten, so die unausgesprochene aber unmissverständliche Botschaft aus der Chefetage des Unternehmens. CBS zog denn auch tatsächlich umgehend seine Konsequenzen aus dem Vorfall – allerdings nicht die erhofften: Der Sender wird vorerst überhaupt nicht mehr über UFC und Strikeforce berichten.

Es fällt leicht, solche Entscheidungen als die Schnellschussreaktionen eines notorisch hitzköpfigen und streitsüchtigen UFC-Präsidenten abzutun. Doch betrachtet man den Umgang von Zuffa mit den Medien als Ganzes, so kommt eine andere Vermutung auf: Das Unternehmen will seine Geschichte, so weit irgend möglich, selber schreiben. Ariel Helwani dient fortan als Haus- und Hofjournalist, der seinen exklusiven Zugang zu Kämpfern und Offiziellen mit einer linientreuen Berichterstattung bezahlt. Die übrigen Medien werden toleriert, sofern sie es verstehen, brav im Gleichschritt mit der PR-Abteilung zu marschieren - und andernfalls von den Informationskanälen abgeschnitten. Gerade US-amerikanische Online-Plattformen wie Sherdog, die auf einen guten Draht zu den Ligen angewiesen sind, werden es sich in Zukunft sicher zwei Mal überlegen, bevor sie einen allzu kritischen Artikel publizieren.

Doch die Macht Zuffas hat ihre Grenzen. Sie können vielleicht Webseiten oder kleineren Sportmagazinen ihren Kurs diktieren, ganz sicher aber nicht den Mediengiganten wie CBS oder ESPN. Bisher hat Dana White deutlich unter Beweis gestellt, dass er bereit ist, zugunsten seiner Informationshoheit auf eine größere mediale Präsenz zu verzichten. Die Konsequenz: Weniger Neuigkeiten über die UFC im Free-TV, weniger Durchdringung der Gesellschaft, weniger Chancen, jemals zu den großen amerikanischen Sportarten aufzuschließen. Wie auch in vielen anderen Belangen folgt die UFC augenscheinlich ihrem Vorbild, der amerikanischen Wrestling-Liga WWE. Auch dort ist es Gang und Gäbe, missliebige Reporter außen vor zu lassen und lieber unter vollständiger Eigenregie eine erfolgreiche Kuriosität zu bleiben, als einen Teil der Kontrolle aufzugeben und gleichzeitig ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit zu treten.

Das alles könnte man mit einem Schulterzucken quittieren. White und die Fertitta-Brüder haben die UFC von einer angeschlagenen Untergrund-Attraktion in ein milliardenschweres Unternehmen verwandelt – natürlich steht es ihnen frei, das Unternehmen nun so zu führen, wie es ihren Vorstellungen entspricht. Doch hier schließt sich der Kreis zum ersten Satz des Artikels: White & Co führen sehr viel mehr als nur ein Unternehmen. Spätestens seit der Akquise von Strikeforce ist die UFC zum de facto Monopolisten der MMA-Welt aufgestiegen. Die Szene in Japan steht vor dem Zusammenbruch, Bellator ist keine ernstzunehmende Konkurrenz, und kleine Ligen wie XFC, MFC oder KOTC verspeist der Kampfsportgigant aus den USA zum Frühstück. Der Markt kann Fehltritte der Zuffa-Oberen nur dann korrigieren, wenn es überhaupt noch einen Markt gibt. Wohl oder übel liegt die Zukunft des gesamten Sports derzeit in den Händen einiger weniger Männer.