Kolumnen

Lagerkoller

Foto by Josh Hedges/Zuffa.

Tun sie's, oder tun sie's nicht? Die Debatte um einen etwaigen Titelkampf im Halbschwergewicht zwischen Jon Jones und Rashad Evans hat MMA-Fans während der letzten Tage und Wochen in Atem gehalten. Schon bevor Jones seinerseits den Titel vom ehemaligen Champion Mauricio "Shogun" Rua erringen konnte, schlugen die Wellen der Emotion hoch. Ja, bisweilen drohte die Berichterstattung über den (möglichen) Titelkampf in der Zukunft jene über den (sicheren) Titelkampf in der Gegenwart zu überlagern. Kein Wunder, hatte sich die Beziehung von Jones und Rashad doch innerhalb kürzester Zeit von öffentlich zelebrierter Bruderliebe zu halbherzig verhohlener Feindseligkeit gewandelt.

Der Codex

In dem Tumult waren verschiedenste Sündenböcke schnell ausgemacht: Rashad war der Schuldige, weil er sich wie eine pikierte Heulsuse anstellt. Oder Jones, weil er mit seiner Ankündigung, gegenbenenfalls gegen Rashad anzutreten, den ehernen Jackson-Codex verletzt hat. Oder Greg Jackson, weil ebendieser Codex sowieso totaler Unsinn ist. Und Dana White? Ganz klar: Ein geldhungriger Schleimbeutel, der seine Kämpfer gegeneinander ausspielt, um Camps zu schwächen und seine eigene Position zu stärken.

Schon die Gegensätzlichkeit dieser Schuldzuweisungen zeigt, dass die Lage keineswegs so einfach ist, wie jede einzelne von ihnen zu vermitteln sucht. Im Gegenteil: Der Fall Jones-Evans verdeutlicht exemplarisch ein fundamentales Problem in der Trainings- und Kampfstruktur des Sports, welches auf lange Sicht womöglich einen grundlegenden Kurswechsel seitens mehrerer großer Camps erforderlich machen wird. Während Xtreme Couture oder American Top Team ihre Kämpfer schon heute ohne Bedenken gegeneinander antreten lassen, gilt diese Praxis bei Greg Jackson und der American Kickbox Academy nach wie vor als verpöhnt. Tatsächlich haben namhafte Kämpfer dieser Lager es bisher - sehr zum Leidwesen von UFC Matchmaker Joe Silva - erfolgreich vermieden, als Gegner ins Octagon zu steigen. John Fitch vs. Josh Koscheck, Rashad Evans vs. Keith Jardine, Shogun Rua vs. Wanderlei Silva - das sind nur 3 Kampfpaarungen, die durchaus interessant und sehenswert wären (im Falle von Jardine und Silva: gewesen wären), aber auf Grund der Weigerung beider Kämpfer nicht stattfinden können. Immerhin ließen sich diese Probleme bisher einigermaßen gut umschiffen; zu den genannten Matches gab es sinnvolle Alternativen, und andere Kämpfer (beispielsweise Anderson Silva und Lyoto Machida) teilten sich von Anfang an auf 2 verschiedene Gewichtsklassen auf, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Im Falle von Jones und Evans stand die Doktrin, niemals gegen Teamgefährten zu kämpfen, jedoch stärker als je zuvor auf dem Prüfstand. Hier ging es nicht bloß um einen Kampf unter vielen, sondern um eine Chance auf den Titel, ein künftiges Mainevent, ein (auch finanziell) für beide Kämpfer sehr attraktives Aufeinandertreffen. Und so sehr die Unmöglichkeit eines solchen bisher von beiden Seiten betont worden war, so schnell fielen die Hemmungen, als das Szenario in greifbare Nähe rückte. Schon vor seinem Kampf mit Shogun gab Jones ohne Not bekannt, er sei bereit, seinen Titel nötigenfalls gegen Rashad zu verteidigen. Rashad erfuhr dies über die Medien, und war tief verletzt. Zum einen, dass Jones überhaupt wortbrüchig geworden war, zum anderen, dass er ihn nicht wenigstens zuvor persönlich kontaktiert hatte. Aber natürlich sei er "no punk", "kein Idiot", und werde den nun vor seine Füße geworfenen Fedehandschuh auf- und Jones seinen Titel abnehmen. Der Streit kulminierte mit Evans' wutschnaubendem Austritt aus Jacksons Camp, von welchem er sich verraten und hintergangen fühlte.

Was sich wie das Drehbuch einer Seifenoper liest, ist leider die nackte Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die es in ähnlicher Form schon in der Vergangenheit gegeben hat, als Diego Sanchez, ebenfalls mit Wut im Bauch, Jacksons Team nach der Aufnahme von George St. Pierre verließ. Und eine Wirklichkeit, die sich in der Zukunft sicherlich erneut abspielen wird, so z.B., wenn Nate Marquardt seine Ankündigung wahrmacht und tatsächlich ins Weltergewicht wechselt, um dort gegen George St. Pierre um den Titel zu kämpfen. Auf die Suche nach gangbaren Lösungen des Konflikts macht sich dieser Artikel – und gelangt dabei zu ernüchternden Ergebnissen...

Gute Gründe?

Zunächst einmal haben die Jackson's und AKA's dieser Welt durchaus gute Argumente auf ihrer Seite. Wenn Männer sich tagtäglich, über Monate und Jahre hinweg, gegenseitig an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit treiben, wenn sie sich fordern, sich vorbereiten, dem anderen bei seinen Kämpfen zur Seite stehen, ihn in seinen Siegen feiern und in seinen Niederlagen trösten, dann ist es nur normal und menschlich, dass enge Freundschaften entstehen. Und was könnte man seinem Freund grausameres antun, als ihm eine Niederlage in genau dem Sport zuzufügen, der ihm sein Leben bedeutet? Eine Niederlage kann einen Kämpfer womöglich um Jahre zurückwerfen, sie kann ihn vom potentiellen Herausforderer zum Gatekeeper oder vom Gatekeeper zum Arbeitslosen degradieren, sie kann ihn seine Gesundheit und hunderttausende Dollar kosten. Bei aller (verständlichen) Gier der Fans auf manche Matches darf man nicht außer Acht lassen, dass die Männer, die dort ins Octagon steigen, keineswegs (wie das allseits bekannte Intro es vermittelt) gesichtslose Gladiatoren sind, sondern echte Menschen mit Gefühlen, Hoffnungen und Zielen, die die Gefühle, Hoffnungen und Ziele ihrer engen Freunde nicht beschädigen wollen.

Und auch abseits des emotionalen Aspekts gibt es durchaus Gründe, warum Trainingspartner nicht gegeneinander antreten sollten. Wenn beide nämlich beim Sparring ihr volles Potential ausschöpfen, wenn sie dem anderen nichts schenken und keine Geschenke erwarten, dann haben sie bereits eine ziemlich exakte Vorstellung davon, wie der Kampf ablaufen wird - schließlich haben sie ihn ja schon viele Male (wenn auch mit Schutzkleidung und etwas weniger rabiat) durchgespielt. Während andere Kämpfer versuchen, sich den Kampfstil ihrer Gegner aus Videoaufnahmen zu erschließen, kennen (ehemalige) Trainingspartner ihn aus erster Hand - und wissen genau, wie sie damit umgehen müssen. Wenn nun ständig die Aussicht im Raum schwebt, womöglich in Zukunft gegen den eigenen Teamkollegen antreten zu müssen, dann beginnen die Kämpfer schon beim Training Zurückhaltung zu zeigen. Dann wird der Takedown eben nicht mit voller Wucht ausgeführt, die Chance zum Armbar schonmal absichtlich "übersehen", ständig die linke Gerade gebracht, während man heimlich den rechten Haken übt. Kurz gesagt: Es entsteht eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens und der Verschlossenheit. Das ist zum einen in zwischenmenschlicher Hinsicht überaus unschön, zum anderen macht es auch das Training weniger effizient. Denn nur wenn beide Kämpfer bereit sind, dem anderen ihr volles Arsenal zu offenbaren, können sie auch voneinander lernen und an einander wachsen.

Schließlich sind da auch noch ganz pragmatische Probleme. Natürlich können beide Kämpfer zumindest in der unmittelbaren Vorbereitung auf ihren gemeinsamen Kampf nicht im selben Lager bleiben. Greg Jackson kann zwischen den Runden nicht per Megaphon beiden Tipps zurufen. Er kann auch vorher nicht mit beiden eine Strategie entwerfen. Also muss einer - zumindest für die Vorbereitung auf diesen einen Kampf - zu einem anderen Camp übersiedeln. Das wiederum bedeutet: Umziehen, neue Umgebung, neue Leute, neue Methoden, und womöglich eine lange Eingewöhnungsphase. Der Kämpfer, der beim alten Camp bleibt, hat dadurch einen Vorteil.

Dienst ist Dienst

Trotz alledem hat auch der Standpunkt der UFC einiges für sich. MMA, so argumentiert die Promotion, sei zuallererst mal ein Beruf, und wer beruflich aufsteigen wolle, der habe sich mit den gegebenen Realitäten zu arrangieren. Wenn zwei gute Freunde sich entschlossen haben im selben Unternehmen zu arbeiten, und plötzlich eine Führungsposition frei wird, dann kann schließlich auch nur einer von beiden aufsteigen. Das ist unerfreulich, aber nicht zu ändern. Wer ein professioneller Athlet sei, der könne seine Gefühle für drei bis fünf Runden außen vor lassen, und wer ein echter Freund sei, der wisse zwischen Geschäft und Privatem durchaus zu trennen. Paradoxerweise würden die Kämpfer zunächst gemeinsam trainieren, um besser auf harte Kämpfe vorbereitet zu sein, dann aber einen Teil dieser harten Kämpfe ablehnen, weil sie gemeinsam trainieren. Bei diesem Tauschhandel gebe es letztlich nur Verlierer: Die Fans werden um spannende Kämpfe gebracht, die UFC wird um Einnahmen gebracht, und auch die Kämpfer selbst werden um ihre Chancen gebracht. Dafür sei Evans doch das beste Beispiel: Er habe sich seinen Titelkampf hart erarbeitet, doch dann sei ihm unglücklicherweise zunächst eine Knie-Op von Shogun und anschließend eine eigene Verletzung in die Quere gekommen. Er stand seit bald einem Jahr nicht mehr im Octagon, und müsste nun, nach erfolgreicher Therapie, auf seine Titel-Ambitionen verzichten, bis Jones seinerseits verliert. Was, angesichts der Top-Form seines ehemaligen Teamkollegen, womöglich Jahre dauern kann. Aber Rashad ist 31. Er wird nicht jünger. Es ist keineswegs gesagt, dass er, wenn Jones irgendwann verlieren sollte, überhaupt noch in einer Position ist, um den neuen Champion herauszufordern. Es mag ein schwarzmalerisches Worst-Case-Szenario sein, aber wenn Evans diesen Kampf nicht annimmt, so ist es durchaus vorstellbar, dass er in seiner verbleibenden Karriere nie wieder um den Halbschwergewichtstitel kämpfen wird. Und all das wegen gemeinsamem Training? Aus Bruderliebe zu einem Mann, den er keine zwei Jahre kennt? Würde der Zweck des Trainings nicht auf geradezu absurde Weise in sein Gegenteil verkehrt, wenn ein Mann auf Grund seines Trainings im Sport NICHT aufsteigen kann?

Die Argumente beider Seiten wiegen schwer. Zu schwer, um dem einen gegenüber dem anderen den Vorzug zu geben. Nein, man kann von wirklich engen Freunden nicht verlangen, sich gegenseitig zu verprügeln. Aber ja, es ist eine völlig nachvollziehbare Forderung, dass professionelle Athleten in für sie sinnvollen Kämpfen antreten. Man kann diesen Widerspruch nicht auflösen, man kann ihn nur von Anfang an vermeiden, indem kein Trainingscamp mehrere Kämpfer aus der gleichen Gewichtsklasse und dem gleichen Leistungsstand aufnimmt. Evans hat Greg Jackson von Anfang an vor dem drohenden Interessenskonflikt gewarnt, und eine Verkettung schwer vorhersehbarer Zufälle (die Verletzungen von Rua und Evans, die Weigerung von Rampage, für Evans einzuspringen, der kometenhafte Aufstieg von Jones) hat diesen Konflikt schneller Wirklichkeit werden lassen, als die Protagonisten des Dramas sich hätten träumen lassen. Die Beteuerung, man werde sich aus dem Weg gehen, hält nur so lange, wie für beide Seiten nicht allzu viel auf dem Spiel steht. Die Beteuerung, man werde den Kampf nicht persönlich nehmen, hält nur so lange, bis man vom Trainingspartner geschlagen und von der UFC gekündigt wird. Da diese Probleme nicht zu beseitigen sind, ist es für alle Beteiligten am sinnvollsten, sie überhaupt nicht erst entstehen zu lassen, und ganz einfach nicht mit einem potentiellen Gegner zusammen im selben Camp zu trainieren.

Constantin van Lijnden ist Kolumnist bei GroundandPound. Folgt ihm bei Twitter: @conGnP!