Kolumnen

Ist DREAM dem Untergang geweiht?

“Wieder blicken wir auf ein Jahr voller Kampfsportaction im japanschen Mixed Martial Arts zurück. Das Jahr war jedoch auch von einem Einsparungskurs der führenden Organisationen geprägt. Dabei zeigte sich ein zunehmender Trend zu nationalen Kampfansetzungen im Land der aufgehenden Sonne, womit auch gewisse Qualitätseinbußen verbunden waren. Außerdem richtete sich der Fokus des japanischen MMA stark in Richtung der unteren Gewichtsklassen, wo eine Vielzahl an nationalen Top-Kämpfern zu finden ist… Der Einsparkurs führte auch dazu, dass die großen Grand Prix’ im vergangenen Jahr auf der Strecke blieben.“

- MMA in Asien: Jahresrückblick 2010, GnP-Journal Nr. 9, S. 114

Dass sich der japanische Kampfsport in einem zunehmenden Abwärtstrend befindet, ist kein Geheimnis. Im Jahr 2010 zeigte sich, in welche Richtung sich der japanische MMA-Sport entwickelt. Eine zunehmende Nationalisierung der Events, also eine Fokusverschiebung auf japanische Kämpfer, ist dabei ebenso kennzeichnend wie eine fortschreitende Konzentration auf die unteren Gewichtsklassen. Außerdem schienen auch die Grand Prix’, die den japanischen MMA-Sport über lange Jahre prägten, ihre Ende zu nehmen, nachdem es im Jahr 2010 lediglich ein einziges Turnier gab, welches darüber hinaus nur vier Kämpfer umfasste.

„Wieder ist viel passiert in der Welt der gemischten Kampfkünste. Nach einem Abwärtstrend in den letzten Jahren erhoffte man sich im Jahr 2011 einen Aufschwung im japanischen MMA. Dass die gewünschte Trendwende nicht geglückt ist, kann schon vorweg genommen werden.  Im ersten Halbjahr… hielt sich vor allem die führende japanische Organisation, DREAM, sehr stark zurück und präsentierte lediglich einen einzigen Event in dieser Zeit.“

- MMA in Asien: Jahresrückblick 2011

Im vergangenen Jahr gelang es dem MMA-Sport in Japan nicht, die erhoffte Trendwende zu vollziehen, vor allem nicht, wenn die führende und einzig verbleibende große Organisation Japans, DREAM, als Maßstab herangezogen wird. Folgende Grafik zeigt die (absolute) Anzahl and Events und Kämpfen aufsummiert pro Jahr. Wie sich dabei zeigt, ging die Anzahl der Veranstaltungen zurück und somit auch die Anzahl der Kämpfe.

DREAM-Events und -Kämpfe (eigene Darstellung)
Bei den Kämpfen zeigt sich zwischen den Jahren 2010 und 2011 zwar nur eine kleine Differenz von drei Kämpfen, den vorhergehenden Jahren gegenüber gestellt, verdeutlicht sich jedoch ein deutlicher Abfall um mehr als 20 Kämpfe.

Obwohl mit Sengoku der größte Konkurrent auf dem japanischen MMA-Markt seine Pforten schloss und im vergangenen Jahr keinen Event veranstaltete, konnte DREAM aus dem verbleibenden Freiraum und den übernommenen Kämpfern offenbar nicht angelegentlich profitieren. Ein quantitativer Abfall lässt sich damit eindeutig zeigen, ob diese Tendenz auch in anderen Bereichen auftritt, soll in weiterer Folge analysiert werden. Die eingangs dargestellten Entwicklungen (zunehmende Nationalisierung, Konzentration auf die unteren Gewichtsklassen, Untergang der großen Grand Prix’) werden als Grundlage der Analyse herangezogen.

Zunehmende Nationalisierung

Folgende Grafik zeigt einerseits den prozentuellen Anteil von japanischen Kämpfern an den gesamten eingesetzten Kämpfern je Jahr (grün), andererseits den Anteil an Kämpfen ohne japanische Beteiligung pro Jahr, ebenfalls prozentuell (blau).

Nationalisierung bei DREAM (eigene Darstellung)
Es zeichnet sich eine eindeutige Entwicklung ab. Während im Jahr 2008 der Anteil an japanischen Kämpfern noch unter 50 Prozent lag, ist dieser im letzten Jahr auf fast 70 Prozent angestiegen. Was im selben Zug auch dazu geführt hat, dass Kämpfe ohne japansche Beteiligung von dreißig auf acht Prozent vielen. Vom Charme einer internationalen Top-Organisation, als welche DREAM weitgehend angesehen wurde, geht damit immer mehr verloren. Auch wird verliert man damit an Vorsprung auf andere japanische Veranstalter, da man sich bisher mit eben dieser Internationalität von den japanischen Traditionsorganisationen differenzieren konnte.

Konzentration auf die unteren Gewichtsklassen

Folgendes Diagramm bietet eine Darstellung über die Verteilung von Kämpfen in „höheren“ (orange) und „unteren“ Gewichtsklassen (türkis), die anhand ihres prozentuellen Anteils an der Gesamtheit der Kämpfe pro Jahr aufgetragen wurden. Unter „höheren Gewichtsklassen“ wurden die Klassen zwischen Mittel- und Schwergewicht (inkl. der offenen Gewichtsklasse) zusammengefasst. Unter „untere Gewichtsklassen“ die Gewichtsklassen Bantam- bis Leichtgewicht.

Gewichtsklassenverteilung bei DREAM (eigene Darstellung)
Auch hierbei zeigt sich ein eindeutiger Trend. Die Anzahl an Kämpfen in den unteren Gewichtsklassen stieg im Jahr 2011 auf fast 80 Prozent an, während in den Gewichtsklassen zwischen Mittel- und Schwergewicht lediglich 13 Prozent der Kämpfe ausgetragen wurden. Im Jahr 2008 wurden noch mehr Kämpfe in den höheren Gewichtsklassen ausgetragen, als in den unteren Klassen. Schwergewichte lösten in Japan schon immer die größte Begeisterung aus, doch mit der Verschiebung des Machtverhältnisses im MMA-Sport, sind auch die großen Kämpfer den Geldströmen nach Amerika gefolgt. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet man sich immer weniger von Veranstaltern wie Pancrase oder Shooto, welche ebenfalls vorwiegende Kämpfe in den unteren Gewichtsklassen bieten.

Untergang der großen Grand Prix’

Die letzte zu analysierende Hypothese betrifft die großen Grand Prix’ im Land der aufgehenden Sonne. Über lange Jahre hinweg verliehen sie dem japanischen Kampfsport den Glanz, der die Events über die nationalen Grenzen hinaus in die ganze Welt trug. Folgende Kurve zeigt die (absolute) Anzahl an Grand Prix-Kämpfen (ohne Reservekämpfe) pro Jahr.

DREAM-Grand Prix-Kämpfe (eigene Darstellung)
Im Jahr 2010 zeigt sich ein eindeutiger Tiefpunkt mit lediglich drei Grand Prix-Kämpfen. Ein einziges Turnier, welches vier Kämpfer im Halbschwergewicht umfasste, wurde in diesem Jahr geboten. Mit zwei Turnieren und vierzehn Turnierkämpfen konnte man diese Entwicklung im vergangenen Jahr zwar stoppen. Da es sich um zwei Turniere im Bantamgewicht handelte, eines ausschließlich mit japanischen Kämpfern, wurden die zuvor dargestellten Entwicklungen durch diese Turniere unterstrichen.

Fazit

Die vorgestellten Tendenzen zeigen eindeutig, in welche Richtung sich DREAM in den letzten Jahren entwickelt hat. Geht die Entwicklung in dieser Weise voran, entwickelt sich DREAM zu einer Organisation, die sich nur wenig von den japanischen Veranstaltern wie DEEP, Shooto oder Pancrase unterscheidet. Der Bedarf an entsprechenden Organisationen ist jedoch gedeckt, eine weitere Eventreihe in diesem Segment würde nur zu einer Ausdünnung der einzelnen Organisationen führen, da die gleichen Kämpfer von mehr Organisationen umworben werden.

Diesen Trend noch zu stoppen, wird jedoch alles andere als einfach. Ohne ausreichend Kapital ist es nicht möglich, internationale Top-Kämpfer (vor allem in den höheren Gewichtsklassen) zu verpflichten, welche ohnehin immer stärker an die UFC gebunden werden. Da sich Sporthelden in Japan am besten über Duelle mit „ausländischen Invasoren“ aufbauen lassen, wird es ohne internationale Kämpfer schwer, neue Stars zu kreieren. Dazu kommt die Tatsache, dass es ohne TV-Präsenz ohnehin sehr schwierig ist, neue Stars aufzubauen. Nachdem auch das Profi-Wrestling in Japan derzeit unter keinem guten Stern steht, können auch dort im Gegensatz zur Vergangenheit keine Stars akquiriert werden. Die Zeichen stehen damit alles andere als gut für Japans führende MMA-Organisation im Jahr 2012.