Kolumnen

Heavy Duty: Von Fettsäcken und Bohnenstangen

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein: Nelson (1,83m/119kg) und Struve (2,11m/108kg)

Wer erinnert sich noch an die zehnte Staffel der „Ultimate Fighter“ Serie? Richtig, Rashad Evans und Rampage Jackson waren die Trainer und das längst überfällige Match der beiden ist nun endlich für den 30. Mai angesetzt. Viel interessanter als das Geplänkel der beiden Mundakrobaten war es für mich jedoch, die Entwicklungen bei den Teilnehmern zu sehen. Unter ihnen befanden sich viele Männer von eindrucksvoller Gestalt, einige ehemalige Profi-Football-Spieler, ein UFC-Veteran und die Youtube-Legende Kevin „Kimbo Slice“ Ferguson. Gewonnen hat schließlich ein (vergleichsweise) kleiner dicker Mann namens Roy Nelson.

Keine Angst, ich werde hier nicht die komplette TUF-10 Staffel aufrollen und analysieren. Trotz allem ist es doch spannend, dass ausgerechnet „Big Country“ (so Nelsons Spitzname) das Turnier für sich entscheiden konnte. Hätte man einem Kampfsportlaien die Bilder der Teilnehmer gezeigt und nach einem Tipp verlangt, wer wohl der beste Kämpfer von allen sei, dann wäre Nelson sicher nicht unter den Favoriten gewesen. An diesem Beispiel sieht man eindrucksvoll, dass es nicht unbedingt auf das Aussehen des Athleten ankommt. MMA-Fans und Eingeweihte wissen spätestens, seitdem sie den ersten Kampf des vermeintlich besten „Pfund-für-Pfund“-Kämpfers Fedor Emelianenko gesehen haben, um diese Wahrheit.

Seit einigen Wochen ist nun bekannt, dass „Big Country“ (1,83m/119kg) am 01. April bei der 21. UFC Fight Night gegen Stefan Struve antreten soll. Das holländische UFC-Nachwuchstalent trägt den Spitznamen „Skyscraper“ (Wolkenkratzer) mit seinen 2,11m und 108kg nicht ohne Grund. Nun gibt es in unserem Sport den feststehenden Begriff „Clash of Styles“, den wir alle schon oft in klassischen Kampfpaarungen betrachten konnten. Auch heute kommt es immer wieder zu Kämpfen wo ein Weltklasse-Bodenkämpfer gegen einen herausragenden Kickboxer kämpft und wir erinnern uns spätestens dann wieder, warum unser Sport so herausragend und spannend ist.

Roy Nelson gegen Stefan Struve wird kein Zusammenprall verschiedener Stile werden. Beide Kämpfer sind sehr gute Grappler, Nelson dürfte Vorteile in ringerischen Belangen haben und Struve wohl einen Vorsprung im Standkampf. Dennoch könnten die Voraussetzungen beider Athleten nicht unterschiedlicher sein. Ich spreche einen Faktor an, der meinem Empfinden nach bei der Bewertung von Kämpfen und Kämpfern viel zu selten mit berücksichtigt wird. Bei „Big Country“ gegen den „Skyscraper“ finden wir in extremer Gestalt etwas, dass ich den „Clash of Bodies“ nennen will. Dieses Phänomen ist insbesondere bei Schwergewichten nicht zu vernachlässigen. In den niedrigeren Gewichtsklassen können auf Grund der Gewichtsvorgaben die Athleten nicht allzu unterschiedliche Körperformen haben. Natürlich gibt es auch größere und kleinere Weltergewichte, dennoch sind die Unterschiede nie so extrem wie bei den schweren Jungs. Eine kurze Auflistung verschiedener Kämpfer soll mir hier als Beweis genügen: Hong-Man Choi, Fedor, Alistair Overeem, „Giant“ Silva, „Tank“ Abbott, Tim Sylvia, Mariusz Pudzianowski...

Doch zurück zu unserem „Clash of Bodies“! Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Der Lulatsch Struve hat einen immensen Reichweitenvorteil, der ihm beim Schlagen und Treten ermöglicht Nelson zu treffen, wenn der quasi noch am anderen Ende des Octagons steht. Jeder von Euch, der schon mal mit einem weitaus größeren gesparrt hat kann nachvollziehen, wie es für die Gegner des Skyscrapers sein muss. Richtig eingesetzt kann dieser Vorteil einen Kampf entscheidend beeinflussen. Auch im Bodenkampf können sich die langen Gliedmaßen als nützlich erweisen. Beispielsweise wenn es gilt den Körper des Gegners zu umklammern. Doch sind lange Arme und Beine (besonders wenn sie so dünn sind wie bei Struve) nicht immer ein Segen. Lange, dünne Extremitäten können leichter gehebelt werden als kurze, dicke bzw. stark bemuskelte. Wer das nicht glauben will, ist herzlich eingeladen sein Physikbuch aus der 7. Klasse noch einmal heraus zu kramen.

Ganz nebenbei wäre so wieder einmal bewiesen, dass der MMA-Sport eine Wissenschaft für sich ist und dass wir auf andere Wissenschaften wie die Anatomie und Physik angewiesen sind. Das wird auch deutlich, wenn wir Roy Nelsons Körperform und ihre Vor- und Nachteile in einem Kampf näher betrachten. Wer Big Country noch nicht selbst gesehen hat, dem hilft vielleicht ein Zitat von Rampage dabei, ihn sich bildlich vorzustellen: „He‘s got a big ass belly!“  Bei allem Blödsinn den Quinton Jackson so verzapft, kann ihm in dieser Sache keiner widersprechen – Nelson hat einen riesigen Bauch!

Kaum zu glauben, dass diese offensichtliche Tatsache bei einem Kampf in der komplexesten Kampfsportart der Welt helfen soll. In meiner langjährigen Laufbahn als Judokämpfer habe ich jedoch Gegner mit der Körperform Nelsons hassen gelernt. Eine weitere physikalische Wahrheit wurde mir immer wieder (teilweise schmerzhaft) vor Augen geführt: Je tiefer der Körperschwerpunkt und je mehr Kraft die Hüften deines Gegners, desto schwerer ist es ihn zu werfen oder am Boden zu kontrollieren. Nelson weiß um diesen nicht ganz offensichtlichen Vorteil und versteht es, ihn perfekt in sein Spiel einzubauen. Ich bin mir sicher, dass dies einer der größten Faktoren ist, die zu seinen bisherigen Erfolgen geführt haben. Seine Gegner können einige Techniken auf Grund seiner Statur einfach nicht anwenden. Zudem kann er sein Gewicht aus der Oberlage gezielt zur Kontrolle einsetzen.

Wir sehen also, dass beide extremen Körperformen ihre jeweiligen Vorteile bergen. Allein auf Grund der von mir aufgestellten Beobachtungen, den Ausgang des Kampfes zwischen Nelson und Struve vorauszusagen, dürfte wohl nicht möglich sein. Wenn ihr jedoch eine Begegnung vorher bewerten wollt, weil ihr vor habt Geld auf den Kampf zu wetten oder wenn ihr euren nächsten Gegner analysiert – wer weiß, vielleicht kommt Euch ja meine Kolumne in den Sinn...