Kolumnen

Heavy Duty – The fights you don´t see

"Big Daddy" Kraniotakes kennt die kleinen Kämpfe des Fighter-Alltags.

Der durchschnittliche Fan kann schon eine Menge über den Kämpfer für den er sich interessiert herausfinden. Ob es nun in der offiziellen Countdown-Show, während Interviews oder im selbst gemachten Blog des Kämpfers ist. Es gibt jede Menge Informationen über dessen Persönlichkeit, das Training, die Ernährung usw. Dennoch wird es immer Dinge geben, die Kämpfer zu dem machen was sie sind und die für das Auge eines Fans weitestgehend unsichtbar bleiben. Es sind all die kleinen Situationen und außergewöhnlichen Umstände, die man meistern muss um ein berühmter Fighter zu werden, die ich „The fights you don’t see“ (Die Kämpfe die man nicht sieht) nenne.

Alles fängt mit der Entscheidung an: Ich will ein Kämpfer sein! Und wie bei jedem anderen Traum den man verfolgen mag, werden es sich viele Leute nicht nehmen lassen, dich davon überzeugen zu wollen, dass es nicht die kleinste Chance für Dich gibt, ihn wahr zu machen. Wenn die Erreichung eines persönlichen Ziels die Möglichkeit beinhaltet, physischen Schaden zu erleiden, wird es um ein vielfaches wahrscheinlicher, dass selbst die Menschen die einem sehr nahe sind versuchen, einen eben davon abzuhalten. Aber mal angenommen, man schafft es die ganzen Hater (Missgönner) zu ignorieren und seine Mutter zu überzeugen, gibt es noch jede Menge zu tun, bevor man ein bekannter Athlet in irgendeinem Kampfsport wird. Zum Zwecke der Verdeutlichung meines Standpunktes, werden wir jetzt nicht über die ganze harte Arbeit auf der Trainingsfläche diskutieren, die dies benötigt. Wir konzentrieren uns eher auf die Schwierigkeiten, die zwischen den beiden großen Bühnen liegen, auf denen ein Kämpfer normalerweise seine Leistung bringen muss. Die beiden Hauptbühnen - nicht nur für einen Mixed Martial Arts Kämpfer - sind: Das Gym und der Ring (oder Käfig). Viele Athleten sind bekannt dafür, brillant zu sein während dem Training. Aber sobald die Glocke zur ersten Runde ertönt, bleibt ihre Performance weit hinter dem, was sie eigentlich zu leisten imstande wären. Denn hier kommt das »Mindset« ins Spiel.

Das Mindset eines Kämpfers wird von vielen Dingen beeinflusst. Vereinfacht dargestellt können wir es als einen Mix aus den Situationen betrachten, in denen er ist und der Art und Weise, wie er auf sie mental reagiert. Eine eingegrenzte Kampffläche zu betreten, wo man jemandem gegenüber steht, der darauf trainiert und gewillt ist einem weh zu tun, ist unter Umständen nicht das einzige was einem durch den Kopf geht während einem Kampf. Da sind noch die hunderte oder sogar tausende Leute die zusehen. Vielleicht sitzen Freunde oder die Familie im Publikum. Vielleicht brauchst Du die Siegprämie um die Miete zahlen zu können. Die Liste der Dinge und Situationen die das Mindset eines Kämpfers beeinflussen können ist so vielschichtig wie das Leben selbst. An irgendeinem Punkt einer professionellen Kämpfer-Karriere wird das Außergewöhnliche normal. Halbnackt vor tausenden Kampfsport-Fans zu stehen, die alle nach einem Knockout brüllen, dabei alles auf´s Spiel zu setzen für das man in den letzten acht Wochen hart gearbeitet hat, wird auf bestimmte Art vielleicht normal. Es wird jedoch niemals zu einer alltäglichen Erfahrung, für niemanden!

Und während man plant sich auf das Trainingscamp und den darauf folgenden Kampf zu konzentrieren, kann das Leben nicht angehalten werden. Vielleicht macht die Freundin Schluss, oder das Auto gibt den Geist auf. Vielleicht schaut das Finanzamt mal vorbei um zu sehen, ob Du  ein guter Steuerzahler bist. Auch wenn das eine Menge “Vielleichts” sind, wissen wir alle dass das Leben genau so funktioniert. Man kann sich nicht aussuchen, wann das Schicksal zuschlägt. Und falls es passiert, wenn man sich gerade physisch und mental auf den Kampf seiner Karriere vorbereitet, dann muss man gegen mehr kämpfen als “nur” seinem Gegner. Lasst uns annehmen das Leben verliefe perfekt. Man hat Freunde und Familie die einen unterstützen wo es nur geht und nicht das geringste Problem ist in Sicht. Jeden Tag kann man zweimal im Gym mit den perfekten Trainern und Trainingspartnern arbeiten und fühlt sich besser als je zuvor. Schließlich, am Kampftag, nachdem man bereits aufgewärmt ist und fast schon auf dem weg zum Ring, kommt der aufgeregte Promoter vorbei und informiert, dass der Kampf sich nach hinten verschiebt. Er verschwindet für fünf Minuten. Als dein Coach ihn endlich zu fassen bekommt erzählt er, dass eines der Seile gerissen und warten angesagt ist, bis jemand das repariert hat. Das ist mir bereits mehrfach passiert auf verschiedenen Veranstaltungen als ich andere Kämpfer betreut habe. Und egal, ob nun Muay Thai, MMA oder was auch immer gekämpft wird: Wenn es vorher nicht passiert ist, dann ist dies der Moment in dem man anfängt zu denken und nervös zu werden.

Einmal waren wir schon im Käfig und warteten auf den Gegner meines Schützlings. Aber er kam einfach nicht. Nicht einmal die Einlaufmusik lief. Wir fanden heraus, dass der (einzige) Ringarzt gerade nach einem der Kämpfer aus dem vorangegangenen Kampf sehen musste, da dieser in der Umkleidekabine zusammengebrochen war. Der Kampf konnte nicht starten, ohne dass ein Arzt dabei war. Also standen wir da – wartend. Und ich sah, wie sich Zweifel und Angst in den Kopf eines Kerls schlichen, den ich als mental sehr stark kannte. Aber es gelang mir die richtigen Worte zu finden. Ich erzählte ihm, wie sein Gegner jetzt total nervös backstage darauf wartet endlich in den Käfig kommen und es hinter sich bringen zu können. Als der andere Kerl dann endlich im Cage war und es losgehen konnte, dauerte es keine Minute bis mein Schützling ihn zerstört hatte. Wenn Ihr mich fragt passierte das, weil der andere mental eingebrochen war.

Wenn man bereits ganz oben bist und in großen Promotions kämpft und Leute schreien deinen Namen in gigantischen Stadien, dann weiß man was man alles durchmachen muss um dort hin zu gelangen. Man kennt alle Kämpfe die man ausgetragen hat, jene in und außerhalb des Rings oder Käfigs. Hinter den Kulissen einer Kampfsportveranstaltung zu sein vermittelt eine Ahnung davon, was es für einen Wettkämpfer heißen muss mental stark zu bleiben. Je höher man steigt auf der Leiter, desto größer werden die Organisationen für die man kämpft und umso weniger werden die unvorhergesehenen Umstände die einem auf dem Weg zur ultimativen Prüfung in den Weg kommen. Und einmal angekommen, ist man so stark an seinen Erfahrungen gewachsen, dass man hat worauf es ankommt: Das Mindset eines Kämpfers!

Andreas Kraniotakes ist professioneller MMA-Kämpfer. Folgt ihm auf Twitter oder besucht ihn online unter www.kraniotakesmma.com.