Kolumnen

Heavy Duty: Kampf der Giganten

Wenn Lesnar (130kg) auf Carwin (125kg) trifft, wacktelt die Wand.

Als interessierter Beobachter der Schwergewichts-Division gibt es viele Gründe sich auf den Hauptkampf von UFC 116 zu freuen. Für die meisten Fans wird es wohl interessant, weil der frühere Pro-Wrestling-Star Brock Lesnar (4-1) seine Rückkehr ins Octagon feiern wird. Lesnar stieg aufgrund seines in der WWE erlangten Ruhmes kometenhaft in der UFC auf. Bereits in seinem vierten MMA-Kampf bekam er die Gelegenheit gegen die Legende Randy Couture die Schwergewichtskrone zu gewinnen. Es ist offensichtlich, dass die frühe Chance auf den Titel mit dem sich Brock heute schmücken kann, nicht mit seinen vorherigen Leistungen im MMA-Sport zu rechtfertigen sind. Zweifelsfrei hat er dies seiner extrem guten Vermarktbarkeit für die UFC zu verdanken. Auf der anderen Seite blieb er bislang jedoch auch die sportlichen Gegenleistungen nicht schuldig. Viel mehr glänzte er nicht nur mit seiner ohnehin beeindruckenden Physis, sondern zeigte von Kampf zu Kampf enorme Entwicklungen auch in technischen Belangen. Aufgrund nicht ganz geklärter Umstände ist Lesnar jedoch für eine lange Zeit ausgefallen. Zwischenzeitlich hieß es sogar, er würde überhaupt nicht mehr kämpfen können. Jetzt ist er aber zurück und – wenn man seinen Trainern Glauben schenken darf – in besserer Form als je zuvor.

Die lange Zwangspause und die Ungewissheit seiner Rückkehr führten dazu, dass Lesnars Arbeitgeber eine Notlösung schaffen musste. Da nicht abzusehen war, wann der amtierende Champion seinen Titel wieder verteidigen können würde, stellte die UFC die beiden Hauptanwärter der Gewichtsklasse, Frank Mir und Shane Carwin, in einem sogenannten „Interims-Titelkampf“ gegeneinander. Im Rahmen von UFC 111 sollte also ein vorübergehender Champion ermittelt werden. Mir, der zuvor eine herbe Niederlage gegen Lesnar einstecken musste, legte einige Pfunde an Muskelmasse zu. In dem Aufeinandertreffen der beiden Kämpfer wurde Mir im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt, dass er trotz besserer Technik mit der rohen Kraft, Masse und den ringerischen Fähigkeiten von Brock nicht mithalten konnte.

Carwin hat sich seinerseits den Status als Top-Herausforderer auf die Schwergewichtskrone mit einem KO-Sieg gegen Gabriel Gonzaga verdient. Der gefürchtete Brasilianer hat nicht nur ein großartiges Groundgame, sondern knockte beispielsweise auch Crocop aus. Und das mit seiner eigenen Spezialwaffe - einem Roundhouse-Kick zum Kopf. Obwohl Carwin bereits vor dem Kampf gegen Gonzaga eine Statistik von 10-0 hatte, argumentierten seine Kritiker, dass er noch gegen keinen Top-Kämpfer angetreten sei. Keiner von Carwins Gegnern hat es bislang in die zweite Runde geschafft. Auch das bietet einigen Kritikern Anlass zu Spekulationen, ob er überhaupt die Ausdauer besitzt einen fünf Runden andauernden Kampf zu überstehen.

Lesnar (li.) stahl Carwin (re.) nach dem Sieg über Mir die Show
Der Ausfall Lesnars und die Kampfansetzung gegen den früheren Champion Frank Mir war für Carwin nicht zwangsläufig ein Grund zur Freude. Eigentlich hätte er nämlich bereits am 21. November 2009 bei UFC 106 einen Titelkampf bekommen sollen. Jetzt musste er seinen gerade erworbenen Status als Top-Herausforderer wieder aufs Spiel setzen. Doch Carwin stellte sich der Herausforderung. Obwohl Mir aufgrund seiner jüngsten Erfahrungen am Kampftag weitaus schwerer war als jemals zuvor in seiner Karriere und im letzten Kampf eine beeindruckende Vorstellung gegen den Top-Striker Cheick Kongo ablieferte, konnte er  Carwin nichts entgegensetzen. Nachdem er an den Zaun gedrückt wurde, streckten ihn ein paar kurze Aufwärtshaken zu Boden. Mit dieser Performance konnte sich Carwin nicht nur einen weiteren großen Namen in seinem Kampfrekord sichern. Wohl noch viel wichtiger ist die Tatsache, dass ihn die UFC von diesem Zeitpunkt an (mit einer Kampfbilanz von 12-0 und allen Siegen in der ersten Runde) großartig hypen konnte.  

Nachdem also bekannt wurde, dass Brock Lesnar wieder genesen ist, stand dem Superfight nichts mehr im Weg. Das interessante an diesem Kampf ist – wie so oft in unserem Sport – das Aufeinandertreffen der beiden Stile. Anders jedoch, als man es typischerweise kennt sind es in diesem Fall nicht zwei verschiedene Stile die aufeinander treffen. Vielmehr wird es wohl spannend werden zu sehen, wie sich ein so dominant auftretender Champion, der bislang allen seinen Gegnern körperlich haushoch überlegen war und sie mit überragenden ringerischen Fähigkeiten kontrollierte, gegen einen Herausforderer zurecht kommt, der zumindest ähnliche Voraussetzungen mit sich bringt. Carwin ist ebenfalls ein sehr großes und ringerisch erfahrenes Schwergewicht. Beide Kämpfer bringen (nicht zuletzt aufgrund ihrer Masse) eine beachtliche KO-Power mit ins Octagon.

Am 3. Juli wird es dementsprechend Antworten auf viele Fragen geben. Eine davon ist, ob Brock auch mit Gegnern zu Recht kommt, die er nicht einfach so durch die Gegend schubsen kann. Eine andere, ob Ringrost nicht ein Faktor in der Performance des Champs sein könnte bzw. ob dieser tatsächlich wieder vollständig genesen ist. Eine Frage die voraussichtlich nicht beantwortet werden wird, ist die bereits erwähnte Idee, Carwins Cardio würde nicht für fünf Runden ausreichen. Denn es wäre doch mehr als verwunderlich, würde der Kampf über die volle Distanz gehen. Gleichzeitig werden sich aber neue Fragen stellen. So wird es beispielsweise mehr als interessant zu sehen sein, wie sich stilistisch andersartige Schwergewichte gegen den Sieger bzw. den Verlierer des Kampfes schlagen können. Insbesondere Cain Valasquez, Junior dos Santos und Roy Nelson dürfen sich wohl in nächster Zeit die besten Chancen ausrechnen. Doch wer unter ihnen nach dem Titel greift muss es mit einem physisch starken und zudem äußerst versierten Ringer aufnehmen können. Unterm Strich gewinnt einer in jedem Fall und das ist die Promotion selbst. Die UFC- Schwergewichtsklasse war noch nie so spannend wie zu diesem Zeitpunkt. Wer also bislang noch nicht voller Vorfreude an UFC 116 dachte, sollte spätestens jetzt wissen worauf er sich freuen kann!