Kolumnen

Heavy Duty: Gewichtsprobleme

Der Muskelapparat eines Schwergewichts will versorgt werden

Es sollte wohl mittlerweile jedem bewusst geworden sein, wie trainingsintensiv der Sport der gemischten Kampfkünste ist. Athleten die auf lange Sicht erfolgreich seien wollen müssen sich nicht nur Techniken aus den verschiedensten Kampfsportarten wie Ringen, Thaiboxen, brasilianischem Jiu-Jitsu etc. antrainieren, sie müssen auch ein erhöhtes Maß an Fitness mitbringen. Also gehören neben dem normalen Technik- und Wettkampftraining auch Ausdauer- und Krafteinheiten auf den Trainingsplan eines jeden MMA-Kämpfers.

Wer so viel und intensiv Sport treibt, muss sich auch anständig ernähren. Vernachlässigt man die Ernährung, wird man mittel- bis langfristig nicht in der Lage sein, optimale Leistungen zu erbringen. Für einen erfolgreichen Kämpfer ist es demnach nicht nur wichtig zu wissen, wie er einen Kimura besonders eng bei seinem Gegner ansetzen kann, er sollte auch zumindest einen groben Überblick darüber haben, welche Nährstoffe sein Körper zu welcher Zeit braucht. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen sei verraten, dass dieses Gebiet alleine schon eine Wissenschaft für sich darstellt. Um optimal mit Nährstoffen versorgt zu sein, muss der passionierte Kämpfer wissen, welche Nährstoffe er seinen Körper vor sowie nach dem Training und in den Erholungszeiten zuführen sollte. Das erfordert nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung, da jeder Körper auf bestimmte Dinge anders reagieren kann.

Diese »Kunst« der Ernährung gelangt zu einem Höhepunkt, wenn es für den Athleten in die Phase der Wettkampfvorbereitung geht. Nicht nur, dass die Trainingsbelastung in dieser Zeit extrem ansteigt, die meisten Kämpfer müssen auch noch ein gewisses Körpergewicht erreichen oder halten. Umgangssprachlich heißt es dann sie müssen „Gewicht machen“. Dieser Umstand gilt eigentlich für alle Gewichtsklassen. Außer für das Schwergewicht. Bei den schweren Jungs ist es eigentlich egal wie viel sie wiegen. In der UFC umfasst die Gewichtsklasse beispielsweise Athleten von ca. 93 - ca. 120kg (205-265 Pfund). Es gibt Veranstaltungen, da musste ich noch nicht einmal auf die Waage! Ich habe auf meinem Weg bislang nicht wenige Kämpfer getroffen, die mir schon gesagt haben, wie sehr sie mich darum beneiden, dass ich vor einem Kampf nicht auf mein Gewicht achten muss. Sie unterliegen dabei jedoch einem Trugschluss!

UFC-Kämpfer Peter Sobotta, der sich gerade in San Diego für seinen nächsten großen Kampf gegen James Wilks vorbereitet, macht sein Gewicht ungefähr in den 3-14 Tagen vor dem Kampf. In dieser Zeit gilt es (stark vereinfacht gesagt) für ihn viel zu trinken und auf bestimmte Nährstoffe zu verzichten sowie durch Zuführung besonderer Nahrungsergänzungsmittel eine Unterversorgung zu verhindern. Was viele Fans, aber auch einige Kämpfer der unteren Gewichtsklassen oft nicht wissen ist, dass ich als Kämpfer im Schwergewicht jeden Tag Gewicht machen muss – nur in die andere Richtung.

Andreas versucht am Kampftag möglichst viele Kohlenhydrate zu sich zu nehmen

Das Problem eines Schwergewichts besteht darin, genügend Nährstoffe zu sich zu nehmen, um nicht an Gewicht zu verlieren. Mit steigendem Körpergewicht steigt auch der Bedarf an Nährstoffen. Insbesondere gilt dies für die Netto-Masse an Muskulatur die man besitzt. Auch wenn sich Experten um genaue Zahlen streiten, so verbrauchen 5kg zusätzliche Muskelmasse ca. 200 bis 225 kcal mehr pro Tag. Insbesondere bei hoher Ausdauerbelastung besteht die Gefahr, dass der Körper bei Unterversorgung mit Nährstoffen die Muskulatur angreift um Energie bereitzustellen. Das stellt für jedes Schwergewicht natürlich ein großes Problem dar. Schwergewichte haben im Vergleich zu Athleten anderer Gewichtsklassen relativ zu ihrem Körpergewicht mehr Muskelmasse. Dementsprechend ist das Problem der Energiezufuhr für sie von besonderer Brisanz und es ist von besonderer Wichtigkeit für sie, diesen unerwünschten Nebeneffekt des harten Trainings so gut wie möglich einzudämmen.

Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Der amtierende UFC-Champion im Schwergewicht Brock Lessnar muss vor dem Kampf sogar noch ein paar Kilos abnehmen um das Gewichtslimit des Schwergewichts nicht zu überschreiten. Wobei ein Roy Nelson, der durch seine Wampe wahrscheinlich mehr Aufsehen erregt als durch seinen Kampfstil, wohl keinerlei Probleme haben dürfte sein Gewicht zu halten. Der durchschnittlich veranlagte Schwergewichtler kann jedoch nicht auf eine Physis zurückgreifen die es ihm abverlangt auf 120kg „abzukochen“, noch kann er sich leisten seinen täglichen Kalorienbedarf mit Burgern zu decken. Er ist bestrebt möglichst viel an (qualitativer) Körpermasse aufzubauen bzw. zu erhalten. Kurz gesagt: Er möchte trotz des intensiven Trainings Muskelmasse aufbauen oder zumindest keine einbüßen. Jeder Tag kommt für ihn somit einem Wettlauf gleich.

Wie bereits angedeutet reicht es dabei nicht, einfach Kalorien in sich hinein zu stopfen. Es ist wichtig an Trainingstagen den Körper vor jeder Einheit mit energiereicher Nahrung zu versorgen und die Speicher so schnell wie möglich nach jeder Einheit wieder aufzufüllen. Doch damit nicht genug. Selbst an den trainingsfreien Tagen ist es von erheblicher Wichtigkeit, die Nahrungsaufnahme regelmäßig, reichhaltig und abwechslungsreich zu gestalten. Um diese vielleicht etwas abstrakten Ausführungen mit Leben zu füllen sei gesagt, dass der leistungsorientierte Schwergewichtskämpfer bis zu acht Mahlzeiten am Tag zu sich nimmt. Dazu können bzw. müssen dann noch entsprechende Shakes und andere Supplemente kommen. Wenn man mal nur die Zeit rechnet, die es kostet all dieses Essen in sich hinein zu schaufeln (von der Zubereitungszeit ganz zu schweigen), wird es vielleicht noch ein wenig deutlicher, wieso MMA Kämpfer ein 24-Stunden-Job ist. Und da es mir – wie ich hoffe – gelungen ist zu zeigen, dass die Ernährung für einen ambitionierten Schwergewichts-Kämpfer eine Herausforderung im besonderen Maß darstellt, bitte ich doch in Zukunft darum, uns schweren Jungs mit Aussagen wie: „Boah, hast Du ein Glück dass du kein Gewicht machen musst“ zu verschonen. :)

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