Kolumnen

Heavy Duty: Ein paar Pfund zu viel?

Andreas Kraniotakes

Auch wenn es auf dieser Plattform bislang nicht üblich ist, so kommen doch Experten und Fans weltweit oft nicht umher, sich der Frage zu stellen, wer nun der beste Kämpfer aus allen Gewichtsklassen sei. Eine entsprechende Rangliste wird unter dem Namen „pound for pound“ vielerorts angeboten, um diesen von körperlichen Attributen befreiten Vergleich zu ermöglichen. Auffällig erscheint dabei, dass die Auswahl der auf der Liste befindlichen Kämpfer und ihr entsprechender Rang sich nicht auf festlegbare oder gar mathematisch oder statistisch nachvollziehbare Daten stützt. Es ist demnach durchaus möglich, dass Kämpfer die eine „schlechtere“ Kampfbilanz aufweisen, sich auf einem höheren Rang bewegen als andere Kämpfer, deren Verhältnis von erbrachten Siegen und Niederlagen im direkten Vergleich besser ist. Dieser Umstand lässt sich leicht begründen. Ein Sieg gegen einen hochkarätigen Gegner ist u.U. mehr wert als drei Siege gegen vermeintlich schwache Kontrahenten. Doch worauf stützen sich dann solche Ranglisten, wenn nicht auf eindeutig messbare Parameter?

Sie werden bestimmt von dem launischsten, was diese Welt jemals hervorgebracht hat (und ich rede nicht von Frauen, verehrte Leser). Es sind die Meinungen von Experten, die einen Kämpfer in besagter Rangliste steigen oder fallen lassen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich im Übrigen nicht von den anderen Ranglisten im MMA-Sport. Nach langjähriger Beobachtung der einschlägigen „pound for pound“-Ranglisten erscheinen einige Dinge auffällig, die insbesondere für das Schwergewicht interessant sind. So sind Schwergewichte in diesen Ranglisten unterrepräsentiert. Natürlich war Fedor Emelianenko lange Zeit einer der Athleten, der neben Anderson Silva, George St. Pierre und vielleicht noch BJ Penn gemeinhin als Anwärter auf die P4P-Krone gehandelt werden. Doch was musste er tun, um diese Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verdienen? Er war in knapp zehn Jahren und 28 Kämpfen in Folge ungeschlagen. Seitdem er nun am 26. Juni den Submission-Künsten von Fabricio Werdum unterlag, wird er auf vielen Seiten noch nicht einmal mehr in der Top-10 der besten Kämpfer geführt. Noch schlimmer wird die Situation für die MMA-Schwergewichtsszene, wenn man Fedor – aufgrund seiner schon fast legendären Leistungen –

in der Bewertung ausklammert. Denn abgesehen vom „Last Emperor“ gab es  in den letzten Jahren keine nennenswerte Erscheinung eines Schwergewichts in besagter Kategorie. Woran könnte das liegen? Sind Schwergewichte nicht eigentlich Publikumslieblinge, denen es doch leichter fällt, ins Scheinwerferlicht zu kommen, alleine weil ihre physische Präsenz die Leute beeindruckt und ihre Kämpfe spektakulär sind?

Sicherlich! Dennoch gibt es ein paar Gründe, aus denen es für sie äußerst schwer ist in den Olymp der Statistiken emporzusteigen. Einer der Hauptgründe dürfte sein, dass alle der entsprechenden Experten eine extreme Abneigung gegen das Verlieren haben. Kurz: wer verliert, fliegt raus! Verdeutlichen lässt sich das leicht an den Entwicklungen des letzten Halbjahres und den überraschenden Niederlagen von BJ Penn und Fedor. Während Penn nach noch ein Weilchen bleiben durfte – nämlich exakt bis zu seiner zweiten Niederlage gegen Frankie Edgar in Folge – flog Fedor ohne Kompromisse vielerorts hochkant aus den Expertenlisten. Doch während Edgar sich bereits mit seinem ersten Sieg gegen „Das Wunderkind“ in die Herzen der Experten kämpfen konnte, sucht man den Fedor-Bezwinger Werdum vergeblich. Woran könnte es liegen, dass Menschen, die den Sport kennen sollten wie kein anderer, zu solchen Bewertungen kommen und das Können von Schwergewichten anders beurteilen als jenes von Athleten aus anderen Gewichtsklassen?

Zunächst sind die schweren Jungs wie bereits erwähnt nicht zuletzt deshalb beliebt, weil ihre Kämpfe stets Action versprechen. Auch wenn die Agilität, Wendigkeit und Schnelligkeit von Leichtgewichten auch packende Kämpfe liefern kann, so ist doch im Schwergewicht fast immer mit mindestens einem großen Knall zu rechnen, auf den die Zuschauer mit Spannung warten. Natürlich kann es auch einmal in die falsche Richtung „knallen“ und ein technisch versierterer Kämpfer unterliegt einem vermeintlich schwächeren. Mit 4-Unzen-Handschuhen und einem Körpergewicht von über 100 Kilogramm ist technische Versiertheit nicht immer der kampfentscheidende Faktor. So kommt ein Schwergewicht schon eher mal zu einer (aus seiner Sicht) unnötigen Niederlage, aber anders herum auch zu einem Sieg über einen Athleten, der ihm eigentlich überlegen ist. Wenn Experten ihre Ranglisten schreiben, dann wissen sie natürlich um diesen Umstand. Und während die „unnötigen Niederlagen“ den einen oder anderen Verlierern den Weg zum Olymp verbauen, werden auf der anderen Seite die Sieger oft auf ihre körperlichen Attribute beschränkt.

Wer selbst Kampfsport betreibt, der weiß, dass es eigentlich unabhängig von der Disziplin immer Techniken gibt, die für schwerere Athleten weniger geeignet sind. Diese Erfahrung machen Judokas wie Ringer, Kämpfer aus dem Taekwondo ebenso wie Grappler. Viele dieser Techniken scheitern an der bloßen Körperfülle mancher Heavyweights, andere an ihrer mangelnden Beweglichkeit oder Schnelligkeit. Doch einige von ihnen machen auch schlicht und ergreifend keinen Sinn, wenn der Athlet bzw. sein Gegner ein gewisses Gewicht überschreiten. In dieser Gewichtsklasse anzutreten erfordert also ein anderes Können als es zum Beispiel das Kämpfen im Leichtgewicht erfordern würde. Fraglich bleibt letztendlich nur, ob man das Wissen um die notwendige Andersartigkeit des Schwergewichts so auslegt, als wären sie deshalb weniger komplette Kämpfer.

 

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