Kolumnen

GNP1 goes Las Vegas

Las Vegas: Das Zuhause des Octagons (Foto: Florian Sädler/GNP1.de).

25 Stunden. So lange habe ich von meiner Haustür bis zur Lobby des Luxor Hotels in Las Vegas gebraucht. Insgesamt bin ich seit 51 Stunden am Stück wach, als ich mich in der nachgebauten Pyramide am Vegas Strip in das riesige Boxspringbett fallen lasse. Schlaf werde ich jetzt brauchen, denn viel Zeit zum Durchatmen wird es nicht geben, bevor ich Ende der Woche die gleiche Reise noch einmal in die entgegengesetzte Richtung hinter mich bringe.

15 Monate ist es her, seit ich zum ersten Mal in Vegas war. Im September 2014, kurz vor UFC 178, stand Conor McGregor noch ganz unten auf dem überdimensionalen UFC-Poster, das an der Fassade des MGM Grand Hotels aufgehängt wurde. Neben ihm Dustin Poirier, über ihm u.a. Donald Cerrone, Eddie Alvarez und Demetrious Johnson. Jetzt starrt die überlebensgroße Version des Iren eine ebenso gigantische Abbildung José Aldos nieder, die beiden Federgewichte haben die Fläche beinahe komplett für sich. Selbst Mittelgewichtschampion Chris Weidman und Herausforderer Luke Rockhold müssen sich mit einem Platz ganz unten auf dem Poster begnügen. Vor einem Jahr galt UFC 178 als Top-Event, heute dagegen genügt ein Blick auf die Poster, um mir einmal mehr klar werden zu lassen, wie gut UFC 194 tatsächlich ist.

Abgesehen davon fällt mir als erstes auf, dass mir das Klima im Dezember weitaus besser gefällt als das im September – trockene, angenehme 20 Grad sind genug, um mit kurzen Ärmeln herumzulaufen, treiben einem aber nicht den Schweiß auf die Stirn wie die 35 Grad im nicht vorhandenen Schatten, die hier im Sommer vorherrschen.

Ins Schwitzen werden ich und alle anderen, die wegen der UFC in der Stadt sind, aber trotzdem kommen. Nicht einer, nicht zwei, sondern gleich drei Events stehen in dieser Woche an: Ein Monat UFC in ein einziges, langes Wochenende gequetscht. Fünfzehn Prozent des gesamten UFC-Kaders werden in den kommenden Tagen ins Octagon steigen. Diese Statistik hat mir Tobias Bunnenberg verraten, unser Brasilien-Korrespondent, der sich diese Woche ebenfalls auf den Weg nach Vegas gemacht hat.

Jeder kennt wohl diese Art von Mensch, mit der man regelmäßigen Kontakt hat, die man aber noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Tobias ist für mich einer dieser Menschen – mehrere tausend Kilometer Distanz erschweren es eben, sich irgendwo spontan auf ein Bier zu treffen. Das wollen wir jetzt in Las Vegas nachholen, haben wir beschlossen, allerdings nicht mehr heute. Wir besprechen noch kurz, wann und wo wir uns am Dienstag treffen, dann lasse ich mich endgültig ins Bett fallen.

Dienstag, 08. Dezember

Das öffentliche Training für die UFC Fight Night Nummer 80 ist für 12:30 Uhr am nächsten Tag angesetzt – genug Zeit also, um gründlich auszuschlafen. Um halb zwölf mache ich mich erholt auf den Weg zum MGM Grand Hotel, in dessen 25. Stock Tobias thront. Wir tauschen unsere Tipps für Aldo vs. McGregor und die anderen wichtigen Kämpfe vom Wochenende aus und gehen dann runter zum Open Workout im gigantischen Kasino des Hotels.

Am Ort des Geschehens angekommen, machen sich die zwei dutzend UFC-Events bemerkbar, die Tobias in Brasilien im Laufe der letzten vier Jahre besucht hat. Alle paar Meter läuft ihm jemand über den Weg, den er von den Shows in seiner Wahlheimat kennt – ein „Oi Amigo“ hier, ein „Porra“ da, und schon sind wir mitten drin im Geschehen. Während ich mich noch über Tobias’ gut ausgebautes Kontaktnetz wundere, fallen auch mir immer mehr bekannte Gesichter auf – nicht nur aus Brasilien, auch aus Europa scheint sich die halbe MMA-Welt auf den Weg nach Sin City gemacht zu haben: Journalisten, UFC-PR-Leute und Kämpfer aus Schweden, England, Frankreich oder Irland sind hier. Alle haben eine Meinung zu den anstehenden Kämpfen und alle tun sich schwer, ihre Vorfreude zu verbergen – genau so sollte es sein.

Obwohl die Fight Night am Donnerstag lediglich ein Appetitanreger ist im Vergleich zu dem, was danach kommt, ist die gespannte Atmosphäre schon beim Open Workout zu spüren. Das mag auch daran liegen, dass das Programm trotz Exklusiv-Übertragung auf dem Fight Pass ganz und gar nicht übel ist. Mit Aljamain Sterling, Elias Theodorou, Paige VanZant und Sage Northcutt wird eine ganze Reihe vielversprechender Newcomer in den Käfig steigen. Vier Stunden lang schlagen, treten und springen die Hauptkämpfer zu den lauten Bässen des DJ’s über die mitten im Kasino ausgebreitete Matte, Rose Namajunas bringt gar ihren Hund mit, die Stimmung unter den zahlreichen Zuschauern ist super.

Nach dem Training machen wir uns auf den Weg zurück zu Tobias’ Zimmer und bearbeiten und sortieren die über 1000 Fotos, die wir in den letzten vier Stunden gemacht haben, plus ein paar Videos von Sage Northcutt’s Flips und eingesprungenen Kicks.

Nach der Arbeit kommt das Vergnügen, also machen wir uns anschließend einmal mehr auf den Weg ins Kasino, dieses Mal aber in die Sportsbar, wo wir auf einen von Tobias’ brasilianischen Bekanntschaften treffen. Der bärtige Brillenträger führt seine eigene Kampfsport-Presseagentur und erzählt nach ein paar Bier vergnügt die Geschichte, wie er vor ein paar Jahren auf der schwarzen Liste der UFC gelandet ist, weil er von den Ergebnissen der ersten brasilianischen „The Ultimate Fighter“-Staffel Wind bekommen und sie noch vor Ausstrahlung im Netz verbreitet hat.

Gegen Mitternacht verabschiedet er sich, weil er seine Arbeit trotz allem Opportunismus ernst nimmt, und auch Tobias und ich werden nicht mehr viel älter. Auf dem Rückweg durchs Kasino kommt uns noch Michael Chiesa entgegen – mit Badelatschen und Kopfhörern bewaffnet, marschiert der Co-Hauptkämpfer vom Donnerstag schattenboxend zwischen den einarmigen Banditen und Roulette-Tischen hindurch – ein (unfreiwillig?) komischer Auftritt, der nicht nur unsere amüsierten Blicke auf sich zieht.

Generell scheinen UFC-Kämpfer die am zweithäufigsten vertretene Spezies im riesigen Komplex des MGM Grand zu sein, neben hunderten Cowboyhutträgern, die wegen einer Rodeo-Meisterschaft in der Stadt sind. Ohne extra die Augen offen zu halten, sind Tobias und mir im Laufe des Nachmittags Sage Northcutt, Court McGee, Ryan LaFlare, Matt Serra, Joby Sanchez, Alan Patrick, Chris Gruetzemacher und Max Holloway über den Weg gelaufen.


Eigentlich wollte ich ja zurück zum Luxor, in den knapp 16.000 Quadratmetern des Kasinos kann man sich aber schnell mal verlaufen, und so stehe ich plötzlich unversehens mitten in der MGM Grand Garden Arena. Außer mir und einem halben Dutzend Arbeiter, die die Bühne für die morgige Pressekonferenz aufbauen und sich an meiner ungeplanten Anwesenheit nicht im geringsten zu stören scheinen, ist keine Menschenseele hier.

Die 16.000 leeren Sitze und die trügerische Stille schaffen eine surreale Atmosphäre. Unweigerlich schießen mir die unzähligen epischen Momente durch den Kopf, die von hier aus über Jahre hinweg auf meinen Bildschirm zuhause gesendet wurden. Heute Abend dagegen herrscht noch die Ruhe vor dem Sturm, bevor die Halle am Samstag kollektiv ausrasten wird, wenn es Zeit für den Hauptkampf ist. Auf dem Weg zurück zum Luxor versuche ich, mir die Atmosphäre auszumalen, gebe aber schnell auf. Solche Momente sollte man einfach genießen, wenn sie da sind...