Kolumnen

GNP1 goes Las Vegas: Die irische Invasion

José Aldos letzte Sekunden als UFC-Champion (Foto: Florian Sädler/GNP1.de).

Um 16:30 Uhr am Montagnachmittag stehe ich wieder vor meiner Wohnungstür. Seit Samstagmorgen habe ich kein Auge zugemacht, in diesen Zeitraum fällt neben 13 Stunden Flug auch UFC 194 – die Mega-Show in Las Vegas habe ich noch immer nicht ganz verarbeitet, die Eindrücke des Spektakels aber haben mich die ganze Rückreise über beschäftigt. Was für eine gewaltige Woche…

Die letzten Tage der Reise habe ich, präzise wie ein Uhrwerk, die immer gleiche Runde absolviert: Aufgestanden, vom Luxor Hotel am Südende des Strips zum MGM Grand gegangen, Pressetermine abgefrühstückt und dann am frühen Nachmittag noch ein paar hundert Meter weiter den Las Vegas Boulevard hoch zum Cosmopolitan Hotel gehetzt. Donnerstag und Freitag fanden dort die 80. UFC Fight Night und das Finale der 22. „The Ultimate Fighter“-Staffel statt, direkt nach öffentlichem Training, Wiegen und Pressekonferenzen.

In den letzten Jahren war ich ein Mal auf zwei UFC-Shows an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden und ein Mal auf zwei Events innerhalb von zwei Wochen. Drei Events an drei aufeinanderfolgenden Tagen aber ist eine – interessante Erfahrung. Wie es sich mit neun Stunden Zeitverschiebung vor dem Bildschirm anfühlt, kann ich nicht beurteilen, live aber ist der Overload kaum zu spüren. 34 Kämpfe in 72 Stunden sind zu viel, um groß darüber nachdenken zu können – am Vorabend von Aldo vs. McGregor fühlt sich Rose Namajunas’ Vernichtung von Paige VanZant schon lange vergangen an. Der ohnehin schnelllebige MMA-Zirkus geht diese Woche ein noch viel höheres Tempo als gewohnt.

Donnerstag und Freitag: Die Vorspeise

Dank der Zeitverschiebung gehen die Kämpfe schon am frühen Nachmittag Ortszeit los – um halb drei startet im Chelsea at the Cosmopolitan der Einlass, als drüben im MGM Grand Garden gerade die letzten Kämpfer von der Waage steigen. Nachdem Edgar und Mendes bzw. Aldo und McGregor also ihre Staredowns hinter sich gebracht haben, schmeiße ich Kamera und Laptop in die Tasche und drängele mich zwischen tausenden (!) Iren hinaus auf den Strip. Auch hier kommt man an UFC-Fans nicht vorbei – überall sind irische Flaggen zu sehen und mehr oder weniger sachliche Diskussionen über die anstehenden Kämpfe zu hören.

Die Paige-n’-Sage-Fight Night am Donnerstag bietet solide Action, harte Kämpfe und jede Menge schöner Finishes. Das Finale der 22. „The Ultimate Fighter“-Staffel kann am Freitag nicht ganz so konstant überzeugen.

Obwohl heute nur zehn Kämpfe anstehen statt der sonst üblichen zwölf, entweicht auf halbem Weg durch die Main Card langsam die Luft aus dem Chelsea at the Cosmopolitan. Der letzte Vorkampf zwischen Gabriel Gonzaga und Konstantin Erokhin wird am Folgetag von einem amerikanischen Fachjournalisten als „schlechtester UFC-Kampf aller Zeiten“ betitelt werden und auch danach gibt es eine Reihe recht spannungsarmer Punktentscheidungen zu durchstehen.

Fahrt nimmt der Abend erst wieder mit dem Kampf zwischen Evan Dunham und Joe Lauzon auf, in dem Lauzon leider wieder einmal ordentlich vor den Latz bekommt. Als Edson Barboza und Tony Ferguson sich anschließend Fäuste und Schienbeine um die Ohren hauen, sind die knapp 1600 Zuschauer wieder hellwach – gerade ein Kampf dieses Kalibers lässt einen die intime Atmosphäre eines solch kleinen Austragungsortes umso mehr wertschätzen. Die Schweißspritzer kann man selbst aus der letzten Reihe noch sehen und für Fergusons blitzschnellen D’Arce-Choke muss man nicht einmal hoch auf die Videoleinwände schauen.

Das anschließende TUF-Staffelfinale zwischen Ryan Hall und Artem Lobov wird kaum in Erinnerung bleiben, der Hauptkampf dafür aber umso mehr.

Chad Mendes stand mit dem Rücken zu mir, als die K.o.-Kombo ihn von den Beinen holte – umso überraschter waren ich und meine Sitznachbarn, als „Money“ so früh in der ersten Runde scheinbar aus dem Nichts zu Boden ging. Ein mehr als beeindruckender Sieg für Frankie Edgar, der sich den morgigen Hauptkampf jetzt entspannt aus der ersten Reihe anschauen kann.

Die Show des Jahres

Am nächsten Tag geht es um zwölf Uhr mittags weiter – Media Day mit (fast) allen aktiven UFC-Champions und deren nächsten Herausforderern. Nach dieser beeindruckenden Aufreihung der Welt-Elite gehe ich mit unserem Brasilien-Korrespondenten Tobias, der diese Woche ebenfalls in Sin City verbringt, etwas essen und dann ist es Zeit für den Höhepunkt der Woche.

Im ganzen MGM Grand herrscht bereits Ausnahmezustand – der Zugang zur Arena ist abgesperrt und zig Sicherheitsleute schicken massenhaft Fans zurück ins Kasino, die schon Stunden vor dem Einlass in die Halle wollen. Ich hole mir mein Credential ab und drängle mich zum Media Center durch, wo eine ebenso gespannte Vorfreude in der Luft liegt. Die UFC tischt ein Buffet auf und verteilt ungewohnt edel aufgemachte Programmhefte, die an den Merchandise-Ständen für satte 40 Dollar verkauft werden. Nach ein paar Bissen Hähnchen und einem Dessert mache ich mich auf den Weg in die Halle.

Wie immer in Vegas sind die Ränge in der Arena während der ersten Vorkämpfe noch fast leer. Warum jemand massig Geld für ein Ticket ausgibt, um sich dann nur die Hälfte des Gegenwerts anzusehen, werde ich wohl nie verstehen.

Wer das heutige Vorprogramm verpasst, ist allerdings selbst schuld, denn in den ersten Kämpfen gibt es einige schöne Knockouts und Submissions zu sehen. Unter anderem überzeugt Magomed Mustafaev, der im Juni in Berlin sein Debüt gegen Piotr Hallmann gewann und jetzt in Vegas mit einem K.o. gegen Joe Proctor weiter auf sich aufmerksam macht.

Nach einer Schlacht zwischen Urijah Faber und Frankie Saenz – Faber bekam von den Iren übrigens einen der lautesten Jubelstürme des Abends – geht es weiter mit dem Hauptprogramm. Die ersten drei Kämpfe enden in teils unerwarteten, teils unspektakulären, teils nicht unumstrittenen Punktentscheidungen, die beiden Titelkämpfe aber halten, was sie versprechen.

Zwischen Weidman und Rockhold kann sich die Halle nicht so recht entscheiden, das hart umkämpfte Duell genießt aber wohl jeder der Zuschauer. Richtig Spannung kommt am Ende der dritten Runde auf, als Weidman von Rockhold nach Strich und Faden verprügelt wird und niemand weiß, wie viele Sekunden noch vor der Rundenpause verbleiben. Weidman übersteht den dritten Durchgang haarscharf, wird dann aber im vierten T.K.o. geschlagen. Als wenig später ohne großes Vorgeplänkel McGregors Walk-out beginnt, rastet die Halle aus. Aldo wird erwartungsgemäß ausgebuht, und dann ist der große Moment schon da.

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, von diesem Kampf erst nach ein oder zwei Minuten Fotos zu schießen, um ein etwaiges frühzeitiges Ende nicht hinter der Linse zu verpassen. Als „Big“ John McCarthy das Duell freigibt, entscheide ich mich doch noch um und knipse schnell ein paar Bilder, damit ich die Minuten danach ungestört genießen kann. Ich nehme die Kamera runter und habe meinen Blick gerade wieder auf das Octagon fokussiert, als die Bombe einschlägt.

Mit einem Sekundenbruchteil Verzögerung erkennen die 16.000 Zuschauer, was gerade passiert ist, dann rastet die Arena kollektiv aus – Bierbecher fliegen über die Tribünen, Leute liegen sich in den Armen oder tanzen ekstatisch durch die Sitzreihen. Eigentlich hat noch niemand so wirklich realisiert, was gerade vor ihren Augen passiert ist, der Schock und die Überraschung aber sind genug, um sämtliche Hemmungen fallen zu lassen.

Zehn Minuten, nachdem McGregor sich seinen Weg zurück in die Umkleide gebahnt hat, ist der Spuk vorbei und die Arena wieder fast menschenleer – ich fühle für diejenigen, die die Sauereien auf den Rängen wieder saubermachen müssen und mache mich auf den Weg zurück ins Media Center.

McGregor-Mania

Die Pressekonferenz wird in zwei Teile geteilt: Erst sitzen Rockhold, Maia, Faber und co. vor den Kameras, dann bekommt McGregor seine eigene halbe Stunde, während der er von Dana Whites Podium aus Fragen beantwortet. Von der sonst gewohnten Überheblichkeit und Großspurigkeit ist überraschend wenig zu sehen, der frischgebackene Champion gibt sich ruhig, gefasst und selbstbewusst, was die zahlreichen Fragen zu seiner Zukunft angeht.

Anschließend bedankt sich UFC-PR-Vize Dave Sholler bei seinem Team, bei der Presse und verkündet anschließend, dass als kleines Dankeschön eine Wagenladung Bud Light angekarrt wurde – die UFC scheint an diesem Wochenende in Spendierlaune zu sein, wenn das Ami-Gebräu auch mehr nach Wasser als nach Bier schmeckt.

Später lese ich, dass während der Pressekonferenz die Hölle im und um das MGM Grand ausgebrochen ist – Straßensperren auf dem Strip und Kletterattacken auf den MGM-Löwen in der Hotellobby waren dabei nur einige der feucht-fröhlichen Eskapaden, die wohl dafür sorgen werden, dass so mancher Fan in Zukunft kein Zimmer mehr im MGM buchen können wird.

Als ich am nächsten Morgen um acht Uhr das Luxor Hotel in Richtung Flughafen verlasse, sind die Gesänge der Iren noch immer durch das Hotel zu hören, im Kasino sind die Pokertische und Einarmigen Banditen besetzt von nicht mehr ganz taufrischen Gestalten, die zum Teil in grün-weiß-orangene Flaggen und mal mehr, mal weniger geschmackvolle Dreiteiler gehüllt sind.

Was für eine Woche – obwohl ich die letzten Tage dank der Müdigkeit und der schieren Wucht der Eindrücke noch nicht ansatzweise verarbeitet habe, steht eines fest: Der „December to remember“ hat seinen Zweck erfüllt: Vergessen werde ich diese Woche definitiv nicht.