Kolumnen

GnP Awards 2010: Kickboxer des Jahres international

Der GnP Award für den besten Kickboxer des Jahres international 2010 geht an: Alistair Overeem.

Das Volk hat gewählt und die Wahl fiel mit überwältigenden 80 Prozent der Stimmen zugunsten eines Mannes aus, der im vergangenen Jahr nicht nur durch seine imposante Erscheinung, sondern vor allem durch seine sportlichen Leistungen beeindrucken konnte: Alistair Overeem. Das Kurioseste an der Wahl ist dabei nicht einmal die Eindeutigkeit mit der der „König der Kickboxer“ gewählt wurde, sondern vielmehr die Tatsache, dass er eigentlich ein MMA-Kämpfer ist.

Im Jahre 2008 trat er bei der japanischen Neujahrsshow Dynamite - nach langjähriger Pause vom Kickboxgeschehen – gegen den hoch favorisierten K-1-Experten Badr Hari an. Nachdem Hari bereits nach weniger als zwei Minuten die Deckenbeleuchtung kreisend über sich sah, während seine Schultern den Ringboden berührten, war der Startschuss für Alistairs (Zweit-) Karriere als Kickboxer gefallen. Während Hari noch vor dem Kampf vollmundig davon sprach, Overeem gerne einen Rückkampf im MMA zu gewähren nachdem er ihn vernichtend im K-1 geschlagen hätte, konnte man seither keinerlei diesbezügliche Vorschläge mehr seitens des marokkanischen "Bad Boys" hören. Stattdessen etablierte sich „The Reem“ als Bestandteil der K-1-Welt und mutierte zu einem der beliebtesten Athleten in Japan.

Den Sieg im renommiertesten Kickbox-Turnier der Welt, dem K-1 World Grand Prix, hatte sich der Holländer mit den enormen Ausmaßen und dem gesunden Selbstbewusstsein auf den Wunschzettel geschrieben. 2009 konnte er sich dann auch prompt mit einem Sieg über das Urgestein Peter Arts für die Finalkämpfe qualifizieren. In der zweiten Runde des Turniers unterlag er jedoch gegen den Mann, der seiner Karriere den Kickstart versetzt hatte. Badr Hari beendete das Turnier für ihn und damit auch den Traum vom Weltmeistertitel in einer zweiten Kampfsportart.

Doch 2010 sollte das Jahr des „Demolition Man“ werden. Abermals qualifizierte sich Overeem souverän mit einem Sieg gegen Ben Edwards und verkündete in seiner gewohnt selbstsicheren Art vor dem Finale des K-1 Grand Prix, dass er gewinnen werde. Tatsächlich zählten ihn bereits im Vorfeld die meisten Fans und Experten neben Semmy Schilt zu den Favoriten des Turniers. Aber Zweifel blieben dennoch in den Köpfen vieler. Kann es ein Kämpfer aus dem Mixed Martial Arts-Sport wirklich schaffen, in einer Disziplin, die ja nur einen Teilbereich seiner Trainingsroutine darstellt, die Weltbesten zu schlagen?

Als ich noch einige Zeit vor dem Finale (das am 11. Dezember stattfinden sollte) eine Einladung erhielt, an einem Trainingscamp von Overeem teilzunehmen, fühlte ich mich natürlich geehrt und folgte dem Ruf so schnell es ging. Ohne groß nachzufragen packte ich Trainingssachen für ein Kick-Thaibox-Camp. Zu meiner großen Überraschung konzentrierte sich die Trainingsroutine jedoch nicht auf den Standkampf. Overeem hatte eine Gruppe europäischer MMA-Top-Athleten um sich geschart um ein MMA-Camp abzuhalten. Wir arbeiteten demnach fleißig an unserem Groundgame, Ringen und eher nebenbei am Standup – und das nur vier Wochen vor dem K-1 Finale. Um meine Überraschung perfekt zu machen, schien er noch nicht einmal sonderlich aufgeregt wegen des großen Events, dass er so gerne gewinnen wollte. An diesem Punkt wurde mir einmal mehr klar, wie groß der Faktor »Erfahrung« im Kampfsport ist. Immerhin stand Overeem bereits im zarten Alter von 17 im Ring um einen Kickbox Kampf zu bestreiten und war bereits mit 21 Jahren bei PRIDE in Schlachten mit den Großen dieser Welt verwickelt. Vor seinem letzten Kampf bei Strikeforce sagte er zu mir: „Ich war in der Hölle und bin wieder zurück gekommen, was will mir da jemand wie Brett Rogers antun?“ Manche nennen diese Art der Selbstsicherheit Arroganz. Fakt ist jedoch, dass er Rogers am Ende tatsächlich deklassiert hat.

Doch würde es auch möglich sein, mit dieser Einstellung das größte Turnier im Kickboxen zu gewinnen? Drei Siege trennten Overeem vom großen Ziel und bereits im ersten Matchup des Abends lag knisternde Spannung in der Luft. Mit Tyrone Spong stellte sich ihm einer der wohl talentiertesten und technisch versiertesten Kämpfer des Turniers entgegen. Auch wenn es weitestgehend vor der Öffentlichkeit verborgen blieb: Spong und Overeem haben bereits eine gemeinsame Geschichte. Sie sind ehemalige Trainingspartner, die über ein grobes Zerwürfnis hinweg zu erbitterten Rivalen geworden sind. Tatsächlich kam der Jungspund Spong zunächst besser in den Kampf und konnte die erste Runde für sich entscheiden. Doch Overeem blieb unbeeindruckt und dominierte seinen Landsmann die restliche Kampfzeit so eindeutig, dass der Einzug ins Halbfinale am Ende nur ihm gewährt werden konnte. Obgleich es ihm sicherlich lieber gewesen wäre Spong auf die Bretter zu schicken, war die Befriedigung in seinem Gesicht nach dem Kampf klar abzulesen.

Das Halbfinale verlief weitaus reibungsloser. Da Gokhan Saki ein zermürbendes Duell mit Daniel Ghita hinter sich hatte, das er nach der vierten Runde für sich entscheiden konnte, ging er sichtlich angeschlagen in den Kampf mit seinem Teamkollegen. Auch wenn Saki noch einmal alles probierte um Overeem mit seinen Fersendrehkicks zuzusetzen, war die schiere Kraft des „Demolition Man“ letztlich doch zu viel für ihn und seinen angeschlagenen Körper. Nach zwei Kicks zur Körpermitte musste er mit einem gebrochenen Arm aufgeben.

Im Finale schließlich traf der zukünftige Champion auf den Mann, der seinen Mitfavoriten Semmy Shilt ausgeschaltet hatte. Peter Arts, der am 25. Oktober seinen 40. Geburtstag feierte, hatte es tatsächlich bis in das Finale geschafft. Allerdings konnte er den wuchtigen Kombinationen von Overeem im dritten Kampf an diesem Abend nicht einmal mehr eine Runde lang etwas entgegensetzen und so wurde der Traum vom Sieg für "Übereem" tatsächlich Wirklichkeit. Mit jenem Sieg gelang es ihm, sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern, als erster und wohl auch einziger MMA-Kämpfer, der den K-1 World Grand Prix für sich entscheiden konnte. Offensichtlich hat er damit aber noch etwas sehr viel wichtigeres gewonnen, nämlich die Gunst der Fans, die ihn bei der diesjährigen Wahl mit dem GnP-Award für den besten Kickboxer der Welt prämierten!

Die exakte Stimmverteilung im Überblick:

1. Alistair Overeem (Niederlande) 80,2%
2. Giorgio Petrosyan (Armenien) 8,6%
3. Buakaw Por. Pramuk (Thailand) 6,8%
4. Yodsanklai Fairtex (Thailand) 2,6%
5. Artem Levin (Russland) 1,0%
6. Nathan Corbett (Australien) 0,8%