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German Vale Tudo steht bevor

Am 24. Januar startet eines der ehrgeizigsten Projekte des MMA-Sports in Deutschland. Die Etablierung der ersten richtigen Amateur-Liga in den Mixed Martial Arts steht uns bevor und wirft ihre Schatten weit voraus. Neben dem ganzen Hype über einige sehr erfahrene Profikämpfer in Deutschland und der Verbotsdiskussion über MMA in den Medien und bei einigen Politikern, stellt dieser Umstand wohl einen der interessantesten Gesprächs- und Diskussionspunkte in Deutschland dar. Denn gleichzeitig stellt sich die Frage: „Quo vadis?“ Wohin soll es mit dem Sport in Deutschland gehen?

Bereits seit den 90er Jahren, als die ersten mehr oder weniger offiziellen MMA-Kämpfe in Deutschland stattfanden, bin ich der Faszination des Sportes erlegen. Damals kämpfte ich erstmals bei den World Shidokan Open in Chicago und sammelte meine ersten Erfahrungen mit den Mixed Martial Arts. Klar hatte ich damals schon Kämpfe der UFC gesehen und war schlichtweg fasziniert von Royce Gracie, der scheinbar mühelos alle Gegner in kürzester Zeit mit Würge- und Hebelgriffen zur Aufgabe zwang. Er war der erste „Ultimate Fighter“ und zeigte der Welt, dass mehr dazu gehört, als nur böse drein zu schauen und wild und brutal um sich zu schlagen. Er war es, der der Welt zeigte, dass man auch auf dem Rücken liegend gegen einen viel schwereren und offensichtlich stärkeren Gegner gewinnen kann. Er zeigte der Welt das Gracie Jiu-Jitsu und löste damit eine Veränderung in der Kampfsportwelt aus, die unvergleichlich ist. In den Jahren danach lernten die Kickboxer zu ringen, die Ringer, den Schlägen und Tritten eines Standkämpfers zu widerstehen und aus den anfänglichen Duellen „Boxer vs. Karateka“ wurde immer mehr das, was wir heute als „Mixed Martial Arts“ kennen und schätzen: die Vereinigung und Verknüpfung aller funktionierenden Techniken in einem realistischen Vollkontaktkampf zwischen zwei Athleten.

Doch zu dieser Zeit waren die Sportler in Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, schon wieder mal einen Schritt voraus. Bereits in den 80er Jahren hatte sich mit dem „Shootfighting“ und „Shootwrestling“ eine technisch hochqualifizierte Liga etabliert. Es gab keine einzelnen Shows, sondern ganze Wettkampfpläne für den Profi- und für den Amateurbereich. Das Shooto entstand und mit ihm wohl die erfolgreichste und feinste Liga in den MMA weltweit. Man konnte dort nicht einfach als Profi kämpfen. Man musste in Japan in einem lizenzierten Gym unter fachlicher Anleitung trainieren, seine Leistung bringen und zeigen, dass man etwas kann. Und das konnte man am ehesten, wenn man in der Amateurliga seine Kampferfahrung sammelte. Zeitgleich entstanden mehrere hochwertige Grapplinglabels in Japan, wie z.B. das „Combat Wrestling“, bei dem die Sportler zusätzlich antraten und sich im Bodenkampf beweisen konnten. Die Champions dieser Events, wie z.B. Takanori Gomi, Rumina Sato, Masakazu Imanari und viele andere, zeigten auch im Shooto, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Schon im Amateurlager sah man einen derart technisch hohen Level, welchen man heutzutage in den wenigsten Profilabels zu sehen bekommt. So ist es nicht verwunderlich, dass die Champions des Shooto nicht nur einen erstaunlichen Ruf in Japan genossen, sondern auch über Jahre – ja, sogar über Jahrzehnte – hinweg, bei den verschiedensten Verbänden und Shows erfolgreich waren und auch heute noch sind. Wer hätte gedacht, dass ein international erfolgreicher Kämpfer wie Norifumi „Kid“ Yamamoto zahlreiche Amateurkämpfe im Shooto bestritt, bevor er auch bei K-1 und DREAM erfolgreich war? Oder dass ein Superstar wie Shinya Aoki vor seiner Karriere bei PRIDE schon Champion im Shooto war? Genauso wie der amtierende UFC Mittelgewichtschampion Anderson Silva, der in seinem Shooto-Titelkampf damals Hayato Sakurai schlug und entthronte. Die Liste der großen Namen, die heute jedem geläufig sind und die damals im Shooto Champion waren, ist lange. Jeder Kenner der Szene weiß, dass die Früchte dieser Arbeit einfach auf die konstante und anspruchsvolle Aufbauarbeit und die damit verbundene Auslese bei einer derart harten Konkurrenz verbunden sind. Ja, sich schlichtweg hierdurch selbst erklären.

Betrachtet man nun diese zwei Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre, so erkennt man, dass bei der UFC in relativ kurzer Zeit viele „Stars“ gekommen und gegangen sind, wogegen bei den Japanern eine viel höhere Beständigkeit und vor allem eine ständige Weiterentwicklung des Levels zu beobachten ist. Hier halten sich die Kämpfer über zehn Jahre und sind danach noch hoch angesehene Trainer oder Funktionäre. Bei der UFC kommt irgendwann nach zwei oder drei Niederlagen die Kündigung und man darf nicht mehr für die „Show“ kämpfen. Und genau das markiert den gravierendsten Unterschied. Auf der einen Seite der Sport, der durch Aufbauarbeit und Förderung auch in den Amateurbereichen immer weiter vorangetrieben wird; auf der anderen Seite das Profigeschäft, wo es nur um die Show, Einschaltquoten und Verkaufszahlen geht.

Ich war einer der ersten in Deutschland, die diesen Sport betrieben, gekämpft, vermittelt und auch international unser Land repräsentiert haben. Für meine ersten Kämpfe in England bekam ich nicht einmal ein Butterbrot, sondern kämpfte umsonst. Den Flug für meine Teilnahme beim „Ultimate Submission Showdown“ in Torrance 2003 bezahlte ich aus eigener Tasche, genauso wie die vielen Flüge nach Japan, die USA und ganz Europa, wo ich damals überall kämpfte. Zu der Zeit gab es keine Möglichkeit für mich, zu lernen und zu wachsen, weil es bei uns in Deutschland diesbezüglich einfach nichts gab. Keine Turniere, keine Workshops oder Lehrgänge, keine Sponsoren, keine Partner… einfach gar nichts – außer dem eigenen Willen, unbedingt zu kämpfen. Überall, auf der ganzen Welt, gegen jeden. Ich denke oft mit einem Lächeln an diese Zeiten zurück und habe viele sehr schöne Erinnerungen daran. Aber hätte ich damals schon die Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, dann wäre ich mit Sicherheit erfolgreicher gewesen, hätte mehr erreicht und viel weniger Schmerzen und Material auf dem Weg gelassen.

Das ist für mich der Grund, German Vale Tudo in Deutschland zu etablieren. Ich möchte den Anfängern und Neulingen in diesem Sport eine Chance geben, sich zu beweisen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Ich möchte, dass unser Sport auch einmal von der anderen Seite einer – sagen wir es mal freundlich – skeptischen Öffentlichkeit präsentiert wird. Ganz ohne viel Spektakel, halbnackte Nummerngirls, Trashtalk und Skandale. Einfach das zeigen, was wir wirklich machen: einen faszinierenden und atemberaubenden Sport, der jedermann die Möglichkeit bietet, einen gesunden und vielseitigen Sport zu betreiben. Ja, ich weiß. Da werden mich wieder viele steinigen wollen, denen das Amateur-MMA wie eine „Verwässerung“ oder ein „Nachgeben“ erscheint. Die Diskussionen in den vergangenen Wochen haben gezeigt, dass gerade die Jungen im Sport am liebsten nach PRIDE-Regeln kämpfen würden oder ohne Handschuhe und ohne lästige Rundenzeiten. Im richtigen MMA-Sport gehört deren Meinung nach noch so richtig auf die Mütze gehauen, bis wirklich klar ist, wer hier Chef im Ring ist und die Telefonnummern der Ringgirls abstaubt. Wenn man sich aber den sportlichen Hintergrund dieser „Kritiker“ ansieht, merkt man schnell, dass genau diese Leute erstens selten oder noch gar nicht MMA gekämpft haben und dass es mit dem Können in den verschiedenen sportlichen Aspekten der MMA auch nicht arg rosig aussieht. Aber klar, als Blaugurt im BJJ und nach dem Genuss von zehn Folgen TUF ist man halt schon der Fachmann, der so etwas beurteilen kann.

Ich lehne mich da entspannt zurück und mache einfach mit meinem Projekt weiter. Es wird sich zeigen, wer wie hart und wie gut ist. Man wird sehen, wer sich behaupten kann und wer dazulernt. Man sieht es nicht heute oder morgen, aber nächstes oder übernächstes Jahr. German Vale Tudo wird eine ganze Reihe neuer Talente entdecken. Wir werden vielen Sportlern die Möglichkeit zum ersten MMA-Kampf bieten und wir werden unserer Verantwortung gegenüber diesen Sportlern immer gerecht werden. Begleitend zu den Wettkämpfen werden wir Seminare mit einigen der besten Lehrer Deutschlands anbieten, wir werden die Amateure betreuen und sie auf ihrem Weg begleiten. Wir werden mit den Schulen und den Trainern eng zusammen arbeiten und damit lediglich ein einziges Ziel verfolgen: gute Kämpfer aus Deutschland hervorzubringen.

Die Homepage zur Veranstaltung: www.germanvaletudo.de.