Kolumnen

Filmkritik: „From Chaos to Comeback“

Hat Reza Madadi eine zweite Chance verdient? (Foto: Martin Sandin)

Im April 2013 brachte Reza Madadi bei UFC Stockholm Michael Johnson zum Abklopfen, danach verschwand er in der Versenkung. Nicht nur metaphorisch, sondern buchstäblich: Madadi wanderte hinter schwedische Gardinen, nachdem die Richter es als erwiesen ansahen, dass er Mittäter bei einem Handtaschenraub in Stockholm war. Jetzt ist eine Dokumentation über Madadis Fall und den langen Weg zurück ins Octagon erschienen.

Zwei Jahre lang folgten die drei jungen schwedischen Filmemacher um Regisseur/Kameramann Mauri R. Chifflet, Projekt-Manager Christian Albinsson und Produzent/Regisseur Martin Sandin ihrem Protagonisten durch Dick und Dünn – vom Knast ins Gym, nach Hause und bis nach Dublin ins Octagon.

Dabei erreicht “From Chaos to Comeback” nicht die visuelle Wucht der GSP-Doku „Takedown“, was aber vor allem daran liegt, dass die Thematik des Films nicht derart opulentes Video-Material hergibt wie St-Pierres Geschichte. Finanziert haben die Filmemacher den Film aus eigener Tasche, um ihre eigene Vision des Endprodukts realisieren zu können. Das Ergebnis ist gelungen, vor allem vor diesem Hintergrund – die improvisierte Finanzierung sieht man dem Ergebnis an keiner Stelle an. Ihr Werk bietet einen interessanten Einblick in eine Geschichte, deren Details zum großen Teil an der Öffentlichkeit vorbeigegangen sind.

Dabei wird sich nicht ausschließlich direkt mit Madadis Geschichte beschäftigt, sondern vor allem mit allgemeineren Fragen: Wer verdient eine zweite Chance? Kann man sich in Menschen täuschen? Welche Rolle können die Medien beim Fall eines Einzelnen spielen? MMA selbst spielt in der Doku über weite Strecken eine Nebenrolle, stattdessen wird ausführlich hinter die Kulissen geblickt.

Hat man den Film gesehen, kann man Madadi besser einordnen als das nach der Lektüre der kurzen Nachrichtenmeldungen zu seiner Festnahme und Verurteilung möglich war. Interviews mit Madadi selbst, seiner Familie, seinen Managern, den Trainingspartnern um Alexander Gustafsson sowie seinem letzten Gegner, Norman Parke, runden die Geschichte nicht nur ab, sondern sind essentieller Bestandteil der Story und treiben den Film voran. Glücklicherweise wird dabei vermieden, ein allzu einseitiges Bild vom „Mad Dog“ zu zeichnen – weder Filmemacher noch Interviewpartner scheuen sich, Stärken, Schwächen und Grautöne gleichermaßen zur Sprache und ins Bild zu bringen.

Die große Frage, ob Madadi nun schuldig ist oder nicht, wird zu Anfang offen gelassen, was verunsichern kann – vor allem, wenn man mit seiner Geschichte nicht bereits im Vorhinein vertraut war. Erst gegen Mitte des Films spricht Madadi offener über jenen Tag, an dem eine Gruppe Maskierter ein geschlossenes Luxus-Modegeschäft in Stockholm überfallen hat. Trotzdem: Ganz klar wird auch dort nicht, wie schuldig oder unschuldig Madadi konkret ist.

Obwohl diese nicht hundertprozentig geklärte Frage am Ende der 70 Minuten ein leicht unbefriedigtes Gefühl hinterlässt, ist die Dokumentation gelungen. In Zeiten wöchentlicher UFC-Events fällt es leicht, die dramatischen Geschichten zu übersehen oder zu unterschätzen, die sich ständig hinter den Kulissen abspielen. „From Chaos to Comeback“ zeigt eine davon und hilft damit, sich wieder bewusst zu machen, wie verrückt, gnadenlos und lebhaft die MMA-Welt wirklich ist. Prädikat: Sehenswert.