Kolumnen

Eine Lanze für den Rosenpanzer und den BJJ-Casanova

"Rosenpanzer" Pascal Krauss

Die Kolumnenserie „Vale-Tudo-Walter" ist eine neue Rubrik auf Groundandpound.de, in der in unregelmäßigen Abständen aktuelle Themen kommentiert werden. Gemäß der deutschen Entsprechung für Vale Tudo, d. h. „alles geht", nimmt unser Walter kein Blatt vor den Mund.

Pascal Krauss und Thomas Buschkamp haben ihre Seele dem Teufel verkauft. Sie sind dem Untergang geweiht, ihre sportlichen Karrieren sind zu Ende. Sie sind eine Schande für ihre Sportarten MMA und BJJ. Sie haben weder ein Asylantenheim angezündet noch ein Kind entführt. Nein, was sie getan haben, war viel schlimmer: Sie haben an einer Fernsehsendung teilgenommen, die zur besten Sendezeit auf einem der größten deutschen Fernsehsender läuft.

Krauss und Buschkamp sind Kandidaten der Kuppelshow „Die Bachelorette", die ab dem 16. Juli immer mittwochs um 20:15 Uhr auf RTL zu sehen sein wird. Zwanzig Männer wohnen zusammen in einer Villa in Portugal, gehen mit einer attraktiven jungen Frau auf Einzel- und Gruppendates und versuchen, sie von sich zu überzeugen. Das ist wie „TUF", nur dass man am Ende keinen UFC-Vertrag gewinnt, sondern das Herz einer hübschen Brünetten.

Das tolle Wetter in Südeuropa genießen, mit anderen Männern Spaß haben und eine Frau bezirzen – eine „Klassenfahrt für Erwachsene", wie Buschkamp es im Interview mit Groundandpound.de formulierte. Klingt für einen heterosexuellen Mann nach einem spaßigen Erlebnis, und selbst Männer, die auf ihr eigenes Geschlecht stehen, wären da nicht ganz abgeneigt, schließlich nehmen an der Show auch einige Kandidaten teil, die sich ihrer Sexualität offenkundig noch nicht ganz sicher sind.

Kampfsportler, die bei einer Datingshow mitmachen, dafür auch noch Geld bekommen und ein wenig Popularität erlangen: Das schmeckt dem geneigten deutschen Kampfsportfan ganz und gar nicht – zumal der ausstrahlende Sender auch noch RTL ist, die BILD-Zeitung des Fernsehens. Das ist alles weit unterhalb des Niveaus von Menschen, die in ihrer Freizeit halbnackten Männern dabei zusehen, wie sie sich für Geld in einem Käfig prügeln.

Der geneigte deutsche Kampfsportfan hält sich gerne für besser als diejenigen Mitmenschen, die den Glanz und die Größe der einzig wahren Sportart „MMA" noch nicht erkannt haben. Dabei zeigt er deutlich weniger Toleranz, als er es sich von denjenigen wünscht, die sein Hobby kritisieren.

Das Ansehen des MMA-Sports ist in Deutschland so hoch, dass die Teilnahme eines MMA-Kämpfers bei einer Datingshow diesem Ansehen unheimlich großen Schaden zufügen wird. Niemand wird den ehrbaren MMA-Sport mehr ernstnehmen, alle werden darüber lachen. Der MMA-Sport, bei dem doch nur anständige Bürger wie Ärzte, Anwälte, Ingenieure und Wissenschaftler innerhalb und außerhalb des Käfigs stehen, verliert sein Gesicht.

Ja, es ist töricht und vielleicht zu viel verlangt, aber versuchen wir einmal einen positiven Blick auf die Angelegenheit zu werfen: Noch nie wurden MMA und BJJ zur besten Sendezeit auf einem der großen deutschen Fernsehsender auch nur thematisiert. RTL schickte ein Kamerateam zu Krauss nach Freiburg, um Einspieler von ihm zu filmen – und da ging es mit Sicherheit nicht nur um das Münster und die Universität.

Krauss und Buschkamp wurden gecastet, weil sie sich durch ihre Erfolge im Kampfsport deutlich von den anderen Kandidaten abheben. Beide haben die Möglichkeit, ihre Sportarten einer völlig neuen Zielgruppe vorzustellen und zu zeigen, dass Kampfsportler eben nicht so sind, wie sich die Öffentlichkeit das in der Regel vorstellt.

Womöglich wäre das alles gar nicht so schlimm, wenn Krauss und Buschkamp für ihren Auftritt kein Geld bekommen würden, sich also nicht für den TV-Zuhälter prostituieren. Schließlich sind sie doch Vollzeitprofis, die mit dem Kampfsport ihren Lebensunterhalt verdienen. Dabei wird übersehen, dass ein guter Geschäftsmann immer versucht, mehrere Einnahmequellen zu erzeugen, falls es einmal mit der einen oder anderen nicht so funktioniert wie geplant. Krauss kämpfte zuletzt im August 2013 und hatte seitdem aufgrund einer – im wahrsten Sinne des Wortes hartnäckigen – Verletzung keinen Kampf mehr gehabt. Wäre es dann finanziell clever, eine Verdienstmöglichkeit abzulehnen, bei der man nicht pausenlos gegen den Kopf geschlagen wird?

Anscheinend herrscht in Deutschland noch die romantische Vorstellung vom wahren Krieger, der Kampfsport nur deshalb professionell betreibt, um seine Urtriebe zu befriedigen. Das sind meist die Ansichten derjenigen, die die legal übertragenen Veranstaltungen der UFC illegal streamen oder downloaden und die sich zu Schade sind, acht Euro für den UFC Fight Pass hinzublättern. Die UFC soll ihren Kämpfern mehr Geld zahlen, damit die sich nur auf den Sport konzentrieren können und auch längere Durststrecken überstehen – aber selbst dafür Geld ausgeben? Das ist dann doch zu viel verlangt.

Wem etwas am Kampfsport liegt und wer den MMA-Sport in Deutschland wirklich voranbringen und weiterentwickeln will, sollte sich vordergründig mit sportlichen Themen beschäftigen. Hierzulande sind die Veranstalter nicht gezwungen, sich von einer unabhängigen und anerkannten Institution regulieren zu lassen und beispielsweise auch Dopingtests durchzuführen – und das ist nur ein Negativbeispiel von vielen. Wo bleibt da der Aufschrei?

Sicherlich gibt es in diesem Bereich bereits lobenswerte Lösungsansätze, aber es muss noch viel getan werden. Doch dazu müsste man auch einmal das Handy beiseitelegen und den Computer ausschalten. Da ist es einfacher, sich darüber aufzuregen, dass zwei Sportler an einer harmlosen Fernsehsendung teilnehmen.

Muss man „Die Bachelorette" gut finden? Absolut nicht. Muss man RTL mögen? Keineswegs. Ist Kritik unangebracht? Nein. Aber respektlose Beleidigungen, Pöbeleien und Hasstiraden gegenüber tadellosen Sportsmännern, die die Chancen nutzen wollen, die das Leben ihnen bietet, bestätigen genau die Vorteile der Menschen, die den MMA-Sport ablehnen, dass dessen Fans in der Regel weder mit Verstand noch mit Anstand gesegnet sind. Und damit schadet man dem Sport dann tatsächlich.