Kolumnen

Der König gestürzt

Arthur Abraham befindet sich im Karrieretief. Kommt er da wieder raus?

Es war ein Schock für Arthur Abraham, sein Team und seine Fans. Mit so einem Kampf hatte niemand gerechnet. Die britische „Kobra“ Carl Froch deklassierte den gebürtigen Armenier und populären Publikumsliebling Abraham über 12 Runden nach Strich und Faden. Nicht nur, dass „King“ Arthur heftig einstecken musste – er wollte offenbar auch nicht so recht austeilen. Ein desolates Ergebnis für den Sauerland-Star, der nach der Disqualifikationsniederlage vom März einen Sieg so dringend nötig hatte. Die Frage ist nun: Wie geht es weiter mit Arthur Abraham? Geht es überhaupt weiter?

Das böse Erwachen

„Ich finde es ehrlich gesagt noch zu früh, darüber zu reden,“ meint Abrahams Coach Ulli Wegner und will sich wilden Spekulationen nicht híngeben. „Ich denke, Arthur muss jetzt erst einmal mit sich ins Reine kommen. Er muss in Ruhe darüber nachdenken, was am Wochenende falsch gelaufen ist.“

Der Erfolgstrainer versucht abzuwiegeln, muss aber zeitgleich einräumen, dass ein breites Interesse an der Zukunft Abrahams nur allzu verständlich ist. „Arthur Abraham ist in Deutschland ein großer Name. Da ist es normal, dass die Menschen über seine Niederlage reden.“

In der Tat. Abraham hatte vor allem im Mainstream unzählige Fans, galt nach Auftritten bei TV-Shows wie „Let's Dance“ oder „Das perfekte Promi-Dinner“ als sympathischer Vorzeigeboxer. Unter Boxexperten und Hardcorefans hatte der Wahlberliner jedoch schon immer einen recht durchwachsenen Ruf. Einerseits für seine unglaubliche Schlagkraft und konsequente Linie gelobt, schalt man ihn wegen fehlender Beweglichkeit, langsamer Starts und mangelnder Aktivität umso mehr. Er sei zu limitiert für die Weltspitze, gifteten viele.

Im Super Six World Boxing Classic - der ersten wirklichen Bewährungsprobe auf ganz großer internationaler Bühne - lief es jedoch zunächst sehr gut. Mit einem KO über den abgehalfterten Jermain Taylor startete er in das Turnier und führte so lange Zeit dessen Tabelle an. Das böse Erwachen kam im März dieses Jahres.

Gegen Andre Dirrell sah Abraham schon schlecht aus und wurde zu Beginn regelrecht ausgeboxt. Erst gegen Ende fand er etwas in den Kampf und konnte den US-Amerikaner mit harten Salven eindecken, bevor er aufgrund von Nachschlagens disqualifiziert wurde. Gegen Froch sollte nun alles anders werden. „King“ Arthur wollte einen Sieg, er wollte wieder einen Weltmeistergürtel um die Hüfte und er wollte der Welt zeigen, was wirklich in ihm steckt.

Stattdessen schien er Ladehemmungen zu haben, bewegte sich wie immer wenig bis gar nicht und fungierte bestenfalls als eine Art beweglicher (oder besser: unbeweglicher) Boxsack. Die Zuschauer waren geschockt, sein Trainer Wegner tobte in der Ecke. „Ich arbeite seit fast 40 Jahren als Trainer, aber so etwas wie in der Nacht auf Sonntag habe ich noch nie erlebt“, so Wegner. Ist das Super Six-Turnier für Abraham nun vorbei?

Andre Ward - der Endgegner

Fakt ist, dass sowohl Froch als auch Abraham, unabhängig vom Ergebnis ihres Kampfes, bereits einen sicheren Platz im Halbfinale des Turniers hatten. Abraham muss als Tabellenletzter nun allerdings gegen den führenden Andre Ward ran. Ein Mann, den momentan sicher kaum jemand in der Supermittelgewichtsdivision boxen möchte. Ward ist der Prototyp von einem Boxer. Ein hochdekorierter Amateur, der seine geschmeidige Technik perfekt in den Profibereich herüberretten konnte. Doch Ward ist kein Feingeist. Er kann schmutzig fighten, wenn der Kampf es erfordert, wie er in Duellen mit Mikkel Kessler, Allan Green und jüngst gegen den nicht minder dreckigen Wühler Sakio Bika bewiesen hat.

Der Amerikaner ist obendrein ein cleverer Stratege, der sich lückenlos auf seine Gegner einstellt. Zu jedem Fight erscheint er mit der perfekten Taktik. Es ist mehr als fraglich, ob dieser Mann der richtige Comeback-Fight für Arthur Abraham sein kann. Doch was soll der machen? Vertraglich ist er nach wie vor an das Turnier gebunden, ein Ausstieg wäre sicher – falls überhaupt möglich – mit empfindlichen Geldstrafen verbunden. Gegen Trainingsverletzungen ist man natürlich niemals gefeiert. So etwas kann langwierig sein und kompliziert verlaufen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Erste Hilfe-Plan

Der Turniersieg Abrahams scheint momentan utopisch. Vielmehr sollte er sich stattdessen auf den Fortgang seiner Boxlaufbahn konzentrieren. Hier muss gerettet werden, was zu retten ist. Schnell ein, zwei Aufbaugegner, fürs Selbstvertrauen und Image - erste Hilfe für die Karriere, sozusagen. Ein Wechsel zurück ins Mittelgewicht wäre unklug. Bereits zu seiner Zeit als Weltmeister hatte er Probleme das dort vorgeschriebene Gewichtslimit zu erreichen. Mit Sergio Gabriel Martinez, Dmitry Pirog, Felix Sturm und Paul Williams ist die Spitze dieser Division zudem fast noch stärker besetzt als im Supermittelgewicht.

Abraham hat gezeigt, dass er zur Weltspitze im Supermittelgewicht nicht dazugehört. Sein ausrechenbarer Stil macht es für flexible Taktiker wie Ward oder den frisch beim Super Six-Organisator Showtime verpflichteten IBF Champion Lucian Bute einfach, Lücken zu finden und ihn zu zerpflücken. Ein technisch selbst recht limitierter Puncher wie Froch ließ Abraham wie einen Anfänger aussehen. Kaum vorstellbar, was der nun, mit zwei Niederlagen und jeder Menge Druck auf den Schultern, gegen einen Top 5-Kämpfer machen würde.

Abraham muss an seinem Stil feilen, wenn er oben mithalten will. Dass ein Mann seines Alters, im jetzigen Stadium seiner Karriere, allerdings wirklich den Nerv besitzt, noch einmal einen kompletten Neuanfang zu wagen, kann ich mir nicht vorstellen.

Arthur Abraham ging den Weg, den bereits viele deutsche Boxer gehen mussten: Nachdem er von seinem Promoter lange Zeit verhätschelt, gepauchpinselt und mit Kanonenfutter versorgt wurde, stieg das Selbstbewusstsein. Sportliche Fortschritte? Fehlanzeige. Das böse Erwachen kam schließlich beim ersten ernsthaften Herausforderer (nämlich Dirrell, der nach Punkten gewonnen hätte).

„Die Leistung von Arthur hat sicherlich den einen oder anderen wachgerüttelt“, meint auch Ulli Wegner. „Wenn wir von der Leistungsstärke, Ringintelligenz und der menschlichen Reife sprechen, denken natürlich einige Sportler, sie seien schon weiter. Doch in der Praxis stellt man dann schmerzhaft fest, dass es vielleicht gar nicht so ist.“

Zeit für ein Umdenken. Nicht nur bei Abraham – sondern vor allem bei den Machern im Hintergrund.

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