Kolumnen

Der Cutman - Sieg oder Niederlage in unter 60 Sekunden

GNP1-Chefredakteur Elias Stefanescu (l.) und ICA-Cutman Roland Aicher. (Fotos: Dorian Szücs)

Der Job eines Cutman ist nicht einfach. Ihm bleiben weniger als 60 Sekunden, um eine Blutung zu stoppen oder eine Schwellung zu verbessern. Das Ziel: dem Athleten wieder die Möglichkeit zu geben, zu kämpfen und so einen verfrühten Kampfabbruch zu verhindern. GNP1-Chefredakteur Elias Stefanescu sprach mit Österreichs bekanntestem Cutman, Roland Aicher. Dabei blickte er aus der Sicht des Kämpfers aufs Geschehen, verschaffte sich einen direkten Einblick von Aichers Können und ließ sich beim Interview die Faust bandagieren.

Ich sitze Roland Aicher gegenüber. Er bandagiert mir die Faust, konzentriert sich auf seine Arbeit. Diese funktioniert wie Autofahren, unterbewusst. Locker spricht "Cutman Rolandus" mit mir, während seine Hände unaufhörlich arbeiten. Seine Aufgaben sind aber nicht jedem klar, wie ich finde. Er ist nicht nur dafür da, die Hand des Fighters zu verbinden. Sein Aufgabenfeld geht weit darüber hinaus.

Im Kampf, bzw. der Rundenpause: Den Cut unter Kontrolle bringen. Die Schwellung verkleinern. Den Athleten beruhigen. Den Ringarzt davon abbringen, den Kampf abzubrechen. Dabei keine Fehler machen, um die Wunde womöglich noch zu vergrößern, sondern eine Verschlimmerung der Verletzung verhindern. Dem Kämpfer ermöglichen, sich auf den Fight zu konzentrieren, nicht auf seine Verletzung. Eine schwere Aufgabe für den Cutman, die von vielen aus Unwissenheit oder Ignoranz nicht gewürdigt wird.

Mike Tyson kann ein Lied davon singen. Vielleicht wäre die spätere Karriere des gefürchteten Schwergewichtschampions anders verlaufen, wäre ihm 1990 im Kampf gegen Buster Douglas von einem guten Cutman geholfen worden. Durch die Schwellung am linken Auge, der nur durch einen mit Eis gefüllten Latexhandschuh entgegengewirkt wurde, schwoll das Auge komplett zu. „Iron Mike“ wurde in Runde zehn ausgeknockt.

„Es wird am falschen Ende gespart, wenn schlechte oder gar keine Cutmen verpflichtet werden“, erklärte uns „Cutman Rolandus“ im GNP1-Journal-Interview (GNP1.de berichtete). Roland Aicher, wie der ICA-Cutman (International Cutman Association) im richtigen Leben heißt, sprach mit uns vor kurzem über dieses Thema. Man merkt schnell, dass der Österreicher passioniert ist. Im Gespräch ließ er uns wissen, was alles von ihm erwartet wird.

Der ausgebildete medizinische Masseur mit mehreren Zusatzausbildungen und Personal Trainer hat mit seinen Cutman-Kollegen viele Aufgaben. Sein Job fängt nicht nur im Käfig oder Ring in den Rundenpausen an, sondern weit davor. Bereits Stunden vor dem Kampf, in der Kabine, bandagiert Aicher die Hände seiner Athleten. Der Sinn des Tapes ist klar: Es soll die Faust schützen, gleichzeitig soll es dem Kämpfer eine Sicherheit geben, ihm erlauben voll zuzuschlagen, ohne Angst vor einem Handbruch.

„Beim Tapen kann man dafür sorgen, dass der Kämpfer mit voller Power zuschlagen kann“, erklärte mir Aicher. „Knochen und Sehnen sind optimal geschützt. Das gibt dem Kämpfer Selbstvertrauen. Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass manche Athleten sich zurückhalten und nicht voll durchziehen, weil sie merken, dass sie sich dadurch verletzen. Das ist kontraproduktiv. Das gibt es bei mir nicht. Ich tape so, dass es auf die jeweilige Faust zugeschnitten ist.“

Das merke ich, als mir der routinierte 45-jährige die Faust verbindet. Er sitzt mir Gegenüber. Meine rechte Hand ruht auf einem umgedrehten Klappstuhl. Mehrfach formt Aicher das Tape um meine Faust so, dass es eng anliegt, allerdings nicht zu einengt. Das ermöglicht Spielraum zwischen offener und geschlossener Faust, was enorm wichtig ist, besonders beim MMA.

„Man muss darauf achten, dass man die Hände so bindet, wie es von den jeweiligen Kommissionen vorgegeben ist. Im MMA gibt es andere Vorgaben als im Boxen. Zu Bedenken ist auch, dass Tape Flüssigkeit absorbiert. Das beeinflusst den Kämpfer, wenn der Kampf voranschreitet und seine Hände schwererer werden. Schwerere Fäuste heißen auch langsamere Punches.“

Aicher spricht beim Tapen mit den Kämpfern, agiert wie ein Psychologe, gibt ihnen Sicherheit durch passende Worte und bandagiert ihre Fäuste. Das ist mir bei mehreren Events aufgefallen, als ich ihm über die Schulter blicken konnte. „Das Gehirn des Menschen ist wie ein dichter Dschungel. Viel zu kompliziert, um es in wenige Worte zu fassen. Die Psyche ist enorm wichtig, bei Athleten. Ich versuche ein wenig zu helfen. Wenn der Kämpfer einige Minuten mit mir eingeschlossen ist, soll es ihm schließlich etwas bringen“, so Aicher mit einem Grinsen. „Es kommt natürlich auf die Persönlichkeit an und in welcher Gemütslage sich die Athleten vor dem Kampf befinden. Jeder ist da anders.“

Im Käfig spricht Aicher kaum. Er lässt die Trainer die passenden Worte finden und konzentriert sich auf seine Arbeit. Aicher ist der ruhige Faktor im Sturm eines MMA-Kampfes. Er signalisiert dem Athleten, dass alles ok ist, dass er die Situation unter Kontrolle hat. Gleiches gilt für den Referee und den Ringarzt, dem sich Aicher zuwendet, und informiert.

„Einige Ärzte sind voller Panik, besonders jene, die nichts von Kampfsport verstehen“, erklärte Aicher weiter im Gespräch. „Sie glauben, dass wenn sie den Kampf weiter freigeben, sie das Leben des Kämpfers riskieren.“

Gleichzeitig gibt es auch die andere Seite der Medaille: Coaches, die ihren Athleten nicht aus dem Kampf nehmen wollen und so seine Gesundheit riskieren.

„Die meisten Trainer wollen den Kampf nicht stoppen. Sie sagen mir: 'Schließe den Cut, Rolandus. Wir brauchen diesen Kampf.' Ich kann sie gut verstehen. Es steht viel auf dem Spiel. Mir liegt das Wohl der Kämpfer am Herzen, ich will niemandem die Karriere verbauen, aber die Gesundheit der Athleten steht ohne Frage an erster Stelle. Ich muss das natürlich erwähnen, wenn der Kämpfer in Gefahr ist.“

Die Helden im Hintergrund. Wenn alles nach Plan läuft, merkt man gar nicht, dass Aicher oder seine Kollegen da sind – wie bei einem guten Referee. „Ein Cutman arbeitet im Hintergrund. Wenn mit dem Cut alles gut läuft, ich meinen Job erledige, merkt man gar nicht, dass ich da war. Genau so muss das sein.“