Kolumnen

2015/16: Was bleibt, was kommt?

MMA im Fußballstadion: Irgendwann auch in Deutschland? (Foto: Dorian Szücs).

Das alte Jahr ist zu Ende, und was für eines es war. Im Vakuum zwischen 2015 und 2016, bevor der Staub der letzten zwölf Monate sich endgültig gelegt hat, der Silvesterkater abgeflaut ist und die hässliche Fratze des Alltags grinsend hinter dem Sonntag auftaucht, lasst uns einen Blick zurück auf das werfen, was uns im letzten Jahr beschäftigt hat und was uns auch im neuen nicht loslassen wird.

Als Jon Jones gegen Ende seines Kampfes bei UFC 182 im Januar 2015 mit Daniel Cormier spielte, seiner vermeintlich größten Herausforderung, seinem härtesten Test, schien die Richtung seiner Karriere klar zu sein: Senkrecht nach oben. Zwölf Monate später weiß niemand so wirklich, wo Jones gerade steht: Sein Jahr hat bestens begonnen, dann hat es Rückschläge gehagelt. Das Potential hat durchgeschienen, aber ebenso die Abgründe. Wohin es 2016 geht? Hinweise gibt es viele, Konkretes dagegen weniger.

Ein wenig ähnlich wie Jones ging es auch dem MMA in Deutschland, wenn auch immer noch deutlich weniger öffentlichkeitswirksam. Anfang des Jahres sah es ungewohnt gut aus: Das jahrelange TV-Verbot schien überwunden, zum zweiten Jahr in Folge sollte die UFC ihre Zelte in Berlin aufschlagen, mit Dennis Siver stand zum ersten Mal ein deutscher Kämpfer in einem UFC-Hauptkampf und auch sonst hatte die Bundesrepublik mit Nick Hein, Peter Sobotta und Alan Omer vielversprechende Leute am Start, bei denen einem nicht schon bei mittelmäßigen Gegnern das klamme Gefühl beschlich, dass eine harte Klatsche im Anflug war.

Was nach zwölf Monaten übrig bleibt, ist ein bisschen Enttäuschung, etwas zu regelmäßiger Frust und das zutiefst deutsche Gefühl, in seinem Pessimismus bestätigt worden zu sein. Aber auch im Land der Dichter, Denker, Nörgler und Meckerer gibt es Hoffnung. Mit zwölf neuen Monaten an der Türschwelle stehen wir vor einem Jahr, in dem die Entwicklungen von 2015 ihre Auswirkungen zeigen werden.
Die Chancen und Perspektiven sind da, es ist nur schwer vorherzusagen, was wohl daraus werden wird?

Die deutsche UFC-Riege muss sich neu gruppieren und hat einmal mehr einen gewissen Druck im Rücken, ihre Relevanz auf dem höchstem Level zu beweisen. Diejenigen, die kurz vor dem Sprung auf dieses Niveau stehen, müssen noch einmal aufdrehen und die letzten Schritte schaffen, ohne zu stolpern. Die Übertragungs-Situation der UFC ist irgendwie noch chaotischer als früher und muss jetzt unbedingt so geregelt werden, dass kontinuierliche Funktionalität geboten werden kann.

Deutschland: Schlusslicht in Europa?

Vor einem Jahr lockte Alexander Gustafsson um 4 Uhr morgens 30.000 Landsleute in ein Fußballstadion in Stockholm, verlor böse und wurde trotzdem, auf dem Tiefpunkt seiner Karriere, frenetisch gefeiert. Die gesamte Halle litt mit, anstatt ihm sein Scheitern so unproduktiv wie möglich in die frische Wunde zu reiben. UFC-Events in Glasgow und Dublin waren innerhalb von Minuten ausverkauft, boten Gänsehaut-Stimmung und dank Conor McGregor haben irische Fans seit Jahren einen guten Grund zum Feiern und auch einen dazu, für teuer Geld mehrmals im Jahr in Las Vegas die Hütte abzureißen. All das, Made in Germany? Leider völlig undenkbar.

Zu allem Überfluss haben jetzt die Engländer für UFC London im nächsten Februar auch noch Anderson Silva bekommen, während wir uns mit denen begnügen müssen, denen laut Vertrag ein Kampf zusteht, für die auf den großen Shows in den Staaten aber kein Platz ist. Das zumindest ist die Tendenz, die einem auf unserer Facebook-Seite und in unserem Forum entgegenschwappt.

Was war der Aufschrei groß, als Gustafsson sich vor seinem Hauptkampf bei UFC Berlin verletzte und die UFC es wagte,  ihn durch einen Frauen-Titelkampf zu ersetzen. Ein halbes Jahr nach UFC Berlin ist Gustafsson nach einem – wenn auch großartigem – verlorenen Titelkampf fürs Erste in der Versenkung verschwunden, während Strohgewichts-Championesse Joanna Jedrzejczyk sich im Octagon und auf Instagram munter zum Star mausert.

8.000 Leute hat die UFC für ihren Fight mit Müh und Not in die Berliner Arena bekommen, einige Fans haben ihre Reisepläne nach dem Wechsel im Hauptkampf beleidigt über den Haufen geworfen. Die, die trotzdem gekommen sind, können vielleicht später einmal erzählen, wie sie die Geburt eines Stars miterlebt haben.

Ein paar Monate nach Berlin verteidigte Jedrzejczyk ihren Titel in einem grandiosen, spannenden Kampf vor 56.000 Zuschauern auf einem der größten Events des Jahres.

Wären zwei knappe Kämpfe nur ein bisschen anders verlaufen, stände Gustafsson jetzt an der Spitze und die Meckerer von Berlin hätten alle Munition zum Stänkern gehabt, aber auch und vor allem im MMA-Sport gilt eben, dass im Rückblick alles sehr viel mehr Sinn macht. Wer hätte schon vor einem Jahr gedacht, dass sich ein großer Teil der Fans ihre Internet-Nische namens ufc.tv zurückwünscht? Der Fight Pass ist natürlich immer noch da, aber mit den sechs, sieben Euro pro Monat ist es nicht mehr getan, wenn man alles sehen will. Anderseits bezahlt die UFC ihren Kämpfern definitiv viel zu wenig, deswegen sollte man sich die Kämpfe ohnehin für lau im WWW reinziehen.

So löchrig diese oft genutzte Logik ist: Hätte die UFC ihre Versprechungen wahrgemacht, wären illegale Streams vielleicht sogar überflüssig geworden. Mit toll klingenden Andeutungen hat David Allen die Spannung in der ersten Jahreshälfte immer weiter angeheizt, von einem „riesigen Deal, der alle umhauen wird“ war die Rede. Dann wurde der Internet-Dienst maxdome als Partner verkündet, der erste Event litt an technischen Kinderkrankheiten, bot keinen englischen Originalkommentar und wirkte ganz generell halbherzig dahingeklatscht. Kurz nach UFC Berlin verließ Allen die Organisation und auch maxdome hielt kein halbes Jahr mehr durch, bevor die UFC auf ranFighting verschoben wurde.

Ein Schritt nach vorne? Bisher wohl kaum – UFC 194 wurde für viele deutsche Fans nicht zum Event des Jahres, sondern zum ultimativen Frust-Marathon. An diesem Wochenende bekommt ran seine zweite Chance, man wird also sehen, ob die Zukunft der UFC-Übertragung in Deutschland den Sport voranbringen kann oder auch bis auf weiteres lediglich zusätzliches Haare raufen für Hardcore-Fans verspricht.

Zuhause ist es am schönsten?

Bis nach Las Vegas braucht man aber gar nicht zu schauen, wenn man auf der Suche nach 2015er-Diskussionsstoff ist. Auch in und um Deutschland war eine Menge los in Käfigen, Ringen und auf den Matten. Aziz Karaoglu mausert sich Schlag für Schlag zum deutschen Robbie Lawler, GMC lieferte zwei gelungene, überdurchschnittlich professionelle Events ab, We Love MMA haben wieder erfolgreich ihr Ding durchgezogen und mit Jaris Danho, Daniel Weichel, Jessin Ayari und Stephan Pütz trugen heimische Kämpfer deutsche Wertarbeit in die ganze Welt hinaus.

Im Inland brillierten Talente wie Saba Bolaghi und Anatolij Baal, ganz zu schweigen von all den Newcomern, die in den letzten 12 Monaten ihre ersten Kämpfe bestritten, Erfahrungen sammelten und die Anfang 2016 eine bessere Version ihrer selbst sind als noch am ersten Tag des alten Jahres.

Auf der anderen Seite mussten wir den Niedergang einstmals führender Organisationen miterleben, von deren Top-Atmosphäre und hochkarätigen Kämpfen vor ausverkauftem Haus in 2015 nicht mehr viel zu sehen war - wo jetzt aber zumindest ein radikaler Neustart Hoffnung macht. Neid und Missgunst scheinen die deutsche MMA-Szene immer noch zu einem Grad zu bestimmen, der das Wachstum des Sports behindert und so manche digitalen Ergüsse sogenannter „Fans“ lassen einen beim Lesen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Und stand hier schon irgendwo, dass Deutschland als einziges europäisches Land einen UFC-Titelkampf bekommen hat und die Veranstaltung die mit Abstand am wenigsten erfolgreichste auf dem alten Kontinent war? Falls nicht, hier nochmal eine Erinnerung.

Was bleibt also nach zwölf Monaten? Ging es vorwärts? Rückwärts? Stehen wir genau da, wo wir am 1. Januar 2015 auch schon waren? Es ist definitiv viel passiert, vielleicht auch zu viel oder in zu chaotischer Reihenfolge, um daraus einen Sinn oder eine eindeutige Richtung ziehen zu können. Heute in einem Jahr werden wir wissen, wohin es ging, aber zum Teil hängt es eben auch von uns ab, ob wir Anfang 2017 mehr oder weniger Grund zur Freude haben als jetzt.

Wenn uns 2015 etwas beigebracht hat, dann vielleicht, dass wir das zu schätzen wissen sollten, was wir haben: Eine Menge Talente, das Interesse der UFC und eine Leidensfähigkeit für den Sport, die wir 2016 weniger theatralisch zelebrieren und dafür produktiver einsetzen sollten: Weniger Grabenkriege, weniger unbedachten Stuss in Internet-Foren und Kommentarspalten, mehr Support für unsere Kämpfer und ein schärferes Auge dafür, wo wir stehen und wie wir vorwärts kommen. Auf ein frohes Neues…