Ergebnisse

Khan bleibt König

Amir Khans (25-1-0, 17 KO) erklärtes Ziel ist es, die Gürtel der Halbweltergewichtsdivision zu vereinen. Um dies zu tun, muss er jedoch durch Timothy Bradley – einen der besten Boxer der Division und Weltmeister der Verbände World Boxing Organization und World Boxing Council. Zuvor hatte „King“ Khan am gestrigen Samstag jedoch noch eine andere Aufgabe zu lösen. Der EBU EU-Champion Paul McCloskey (22-1-0, 12 KO) wurde nach der zähen Schlacht gegen Marcos Maidana ausgewählt, um den Weltmeister vor heimischem Publikum noch einmal Kraft tanken zu lassen, vor dem vielleicht größten Fight seiner bisherigen Karriere. Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass Khan den Kampf mit einer Aktion beendete, für die Timothy Bradley seit Jahr und Tag heftig kritisiert wird: einem versehentlichen Kopfstoß.

Die dabei entstandene Platzwunde beendete den bis dahin extrem einseitig verlaufenen World Boxing Association-Halbweltergewichtstitelampf in Manchester, England, in Runde sechs vorzeitig. Zuvor konnte Amir „King“ Khan seinen irischen Herausforderer sechs Runden lang klar und deutlich dominieren. McCloskey hatte der Schnelligkeit des pakistanisch-englischen Weltmeisters nichts entgegenzusetzen und musste schon in den frühen Runden klare Treffer einstecken. Seine Taktik war dabei, vorsichtig formuliert, nicht die beste. Gegen einen blitzschnellen Kombinationsboxer wie Khan mit tiefer Deckung und Oberkörper-Meidbewegungen in der Halbdistanz stehen zu wollen, ist ein Plan, der nur nach hinten losgehen kann. Und genau das tat er auch. Khan legte sich seinen Gegner aus der Distanz effektiv mit der Rechten zurecht und attackiert, sobald er Möglichkeiten sah, mit flinken Kombinationen. McCloskey schien derweil auf Konter zu warten – auch das war gegen den schnelleren Khan aber keine gute Idee.

Die Einzelaktionen des Iren fanden ihr Ziel nur selten. Khan hatte, wie erwartet, auch wenig Probleme mit der Rechtsauslage McCloskeys, immerhin sparrt er in Freddy Roachs berühmten Wildcard Gym fast täglich mit dem wohl besten Rechtsausleger der Welt: Manny Pacquiao. McCloskey nahm sechs Runden lang diverse harte Treffer, schien aber alle ganz gut wegzustecken. Erst im sechsten Durchgang konnte Khan ihn ein wenig anklingeln, nachdem er mehrere Aufwärts- und Seitwärtshaken ins Ziel gebracht hatte. Als beide Boxer im Schlagabtausch aufeinander zugingen, passierte der kampfentscheidende Kopfstoß. Khan erwischte McCloskey mit der Seite seines Kopfes an der Augenbraue. Am Übergang von Stirn zu Nasenwurzel entstand dabei ein kleiner Cut. Ringrichter Luis Pabon unterbrach daraufhin das Duell und rief den Arzt in den Ring. Der riet unverständlicherweise dazu, den Kampf abzubrechen. Ein Urteil, dass angesichts der recht geringen Größe und Tiefe der Platzwunde etwas fragwürdig erscheint.

McCloskey zeigte sich im Interview nach dem Kampf schockiert. „Ich habe mein ganzes Leben für diese Chance hier gearbeitet“, versicherte er enttäuscht. Seiner Ansicht nach begann Khan bereits, langsamer zu werden und abzubauen, der Ire hatte sich noch Chancen ausgerechnet. Eine Fehleinschätzung, die Khan mit seinem Kommentar nach dem Kampf adäquat zurechtrücken konnte: „Es gibt einen Unterschied zwischen europäischem Niveau und Weltspitze“, erklärte er. „Und ich gehöre zur Weltspitze.“ Den Abbruch bezeichnete er als gerechtfertigt. Im weiteren Verlauf des Kampfes hätte McCloskey nur unnötigen Schaden nehmen müssen. „Boxen ist ein Sport und da wollen wir nicht sehen, wie jemand verletzt wird", so Khan.

Aufgrund des vorzeitigen Kampfabbruchs waren nun bereits nach Runde sechs die Punktrichter gefragt, die das bereits Offensichtliche offiziell machten: Khan gewann den Kampf mit 60-54 Punkten auf allen drei Wertungszetteln einstimmig nach Punkten. Einem Stelldichein mit Timothy Bradley stünde damit jetzt nichts mehr im Weg. Der hat am 23. Juli schon einen Termin festgesetzt, nur bislang noch keinen Gegner dafür. Das wäre ein idealer Zeitpunkt, auch für Khan, der nach diesem leichten Sieg kaum Schonzeit benötigen wird und so Anfang/Mitte Mai problemlos mit der Vorbereitung beginnen könnte. Ob und wie stark Khan sich seit dem Maidana-Fight weiterentwickelt hat, lässt sich nach dieser Performance schwer sagen. Mit Bradley wird er nicht spielen können, wie mit McCloskey und der Kampf wird mit Sicherheit keine so einseitige Nummer werden. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser große Fight nicht auch wieder durch einen Kopfstoß beendet wird.

Khan vs. McCloskey
16. April 2011
M.E.N. Arena in Manchester, Lancashire, Großbritannien


WBA Weltmeisterschaft im Halbweltergewicht
Amir Khan bes. Paul McCloskey durch technischen Punktentscheid (60-54, 60-54, 60-54)

WBA Internationaler Titelkampf im Mittelgewicht
Martin Murray bes. John Anderson Carvalho via TKO in Rd. 4

Vorprogramm
Rendall Munroe bes. Andrei Isaeu einstimmig nach Punkten
Lee Purdy bes. Craig Watson via TKO in Rd. 5
Andy Murray bes. Graeme Higginson nach Punkten
Richard Towers bes. Raman Sukhaterin durch technischen Punktenscheid
Kid Galahad bes. Dai Davies nach Punkten
Tasif Khan bes. Pavels Senkovs nach Punkten

Mark Bergmann ist Chefredakteur von GroundandPound, sowie Redakteur für Fighters Only Germany. Er berichtet über Boxen und Mixed Martial Arts. Folgt ihm auf Twitter: @MarkBergmann.