Ergebnisse

Große Klappe gestopft

Wladimir Klitschko besiegt David Haye in Hamburg nach Punkten.

Am gestrigen Samstag konnte Wladimir Klitschko in der Hamburger Imtech Arena nicht nur seine eigenen Weltmeistertitel verteidigen und denn letzten verbliebenen großen Gürtel von Gegner David Haye hinzugewinnen – er rettete vor allem die Familienehre und sicherte sich in gewohnter Manier einen einstimmigen Punktsieg.

Die Zeichen standen im Vorfeld des Kampfes in jeder Hinsicht auf Sturm. Nicht nur, dass sich Wladimir Klitschko (56-3-0, 49 KO) und David Haye (25-2-0, 23 KO) seit beinahe drei Jahren eine erbitterte Medien-Schlammschlacht liefern, die der gerissene Brite sofort nach seinem Wechsel vom Cruiser- ins Schwergewicht angezettelt hatte. Auch das Hamburger Wetter zeigte sich kämpferisch: es regnete wie aus Kübeln und bis zur letzten Sekunden zitterten Veranstalter und Fans, ob das große Schwergewichtsduell überhaupt stattfinden könnte.

Pünktlich zum Einmarsch der beiden Boxer erbarmte sich der Wettergott jedoch und der Regen hörte auf. Als gegen 23:30 Uhr schließlich alle Worte gewechselt und alle Psycho-Spielchen vorüber waren (Haye kam u.a. nach seiner Ankündigung durch Michael Buffer mit rund 10 Minuten Verspätung aus der Umkleide), standen beide Kontrahenten sich endlich im Ring gegenüber. Nach drei Jahren: Klitschko gegen Haye – der größte Schwergewichtskampf der Gegenwart.

Wer eine erbitterte, brutale Schlacht erwartet hatte, wurde enttäuscht. Wie zu erwarten war, blieb Klitschko seinem Stil treu und versuchte Haye mit der langen Führhand mürbe zu machen, um in den späteren Runden mit seiner gefürchteten rechten Cross dem Kampf ein vorzeitiges Ende zu machen. David Haye sollte die Nummer 50 sein, das 50. Knockout-Opfer Waldimir Klitschkos. Die Taktik ging jedoch nicht auf.

Grund dafür war die enorm starke Defensivarbeit Hayes, der sich tatsächlich als bislang schnellster Gegner erwies, dem einer der beiden Klitschko je gegenüberstand. Der Brite lockte seinen größeren Gegner mit hängender Deckung zu überhasteten Offensivaktionen und mied mit seinem beweglichem Oberkörper und guter Kopfbewegung viele der Klitschko-Jabs. Klitschko schien mit dem unerwartet defensiven Stil Hayes deutliche Probleme zu haben, fand seinen Rhythmus offenbar nicht richtig und kam nur selten dazu, seine gefährliche Rechte abzuschießen.

Doch offensiv machte der Haye schlicht zu wenig. Ein ums andere Mal war er an der langen Führhand Klitschkos vorbei, machte am Mann aber nichts daraus. Der Brite schlug keine Kombinationen, setzte bei Treffern nicht nach und brachte nur selten den namensgebenden „Hayemaker“ – seine KO-gefährliche Overhand Right. So gab es über die gesamten 12 Runden auf beiden Seiten nur wenig echte Wirkungstreffer. Die meisten davon landete zwar Haye, eine blutende Nase und ein Cut unter dem linken Auge von Klitschko zeigten das deutlich, doch dafür befand sich der vorher so großspurige Herausforderer fast den gesamten Fight über im Rückwärtsgang. Klitschko konnte dagegen Runde um Runde einstreichen, indem er schlicht der aggressivere Mann war, mehr marschierte und das Tempo des Fights diktierte.

Jab, Jab, Cross, Clinch – so bezeichnete Haye im Vorfeld abfällig die altbekannte Strategie Wladimir Klitschkos. Zumindest dem Clinch versuchte der Brite konsequent zu entgehen, indem er sich bei Kontakt sofort auf die Knie fallen ließ und beim Ringrichter beschwerte. Das funktionierte, Klitschko bekam im siebenten Durchgang für Abdrücken im Clinch sogar einen Punkt abgezogen. Diese fragwürdige Entscheidung versuchte Ringrichter Genaro Rodriguez in der elften Runde offenbar wieder gutzumachen und wertete einen Ausrutscher Hayes als Knockdown für Klitschko.

Es war ein Fight mit vielen sehr knappen Runden, doch einer, den man am Ende eindeutig für Klitschko werten konnte. Ob nun so eindeutig, wie die drei Punktrichter aus den USA und Südafrika das getan haben, sein einmal dahingestellt. Mit 118-108, 117-109 und 116-110 wertete das Punktgericht das Duell mit weitem Abstand zugunsten von Klitschko, der damit die Titel aller vier großen Weltverbände unter dem Namen der Klitschko-Dynastie vereinen konnte.

Der geschlagene Haye spuckte nach der Schlussglocke deutlich leisere Töne als noch im Vorfeld des Kampfes. Nach einem förmlichen Handshake und einer knappen Umarmung mit seinem Nemesis, begannen erste Erklärungsversuche: „Ich habe heute nicht meine bestmögliche Leistung erbracht“, so Haye im Ring nach dem Kampf. „Er hat mit der besten Strategie geboxt, die man gegen einen Kämpfer wie mich haben kann.“ Dass Haye nicht sein volles Potential abrufen konnte, lag nach eigener Aussage an einem verletzten Zeh, den er beim Humpeln aus der Halle noch einmal medienwirksam präsentierte.

Wladimir Klitschko war der strahlende Sieger des Abends. Er konnte die Familienehre wiederherstellen, alle Gürtel vereinigen und ein drei Jahre währendes Problem aus der Welt schaffen. „Ich wollte heut eigentlich meinen 50. Knockout feiern, aber das hat leider nicht geklappt“, erklärte im Anschluss an seinen Sieg. „Ich werde trotzdem feiern, weil ich gemeinsam mit meinem Bruder Vitali nun alle Gürtel im Schwergewicht vereint habe. Der Kampf war leider nicht so spektakulär wie ich ihn mir erhofft hatte.“

Tatsächlich blieb der erhoffte KO aus. Beide Boxer sind bekannt als harte Puncher mit weichem Kinn – jede ihrer Niederlagen erfolgte bis gestern Nacht per Knockout, beide besitzen eine KO-Quote von rund 90 Prozent.

Wie es in der Schwergewichtsdivision nun weitergeht, ist fraglich. Man kann ihn lieben oder hassen, aber ein Sieg David Hayes hätte der Gewichtsklasse gut getan. Auch die Klitschkos sind sich dessen sehr wohl bewusst. So verkündete man noch während der TV-Übertragung, dass Klitschko-Anwälte kurz nach dem Kampf bereits versuchten, David Haye einen Kampf gegen den älteren Bruder Vitali anzubieten. Ob es dazu kommen wird ist bislang unklar.

Vitali Klitschko trifft im September erst einmal auf den Polen Tomasz Adamek. Einen hochtalentierten Boxer, doch ein natürliches Halbschwergewicht, das sich in den vergangenen vier Jahren erst ins Cruiser- und nun ins Schwergewicht hochgearbeitet hat. Seine Chancen in einem Klitschko-Kampf? Gering.

Nach Adamek lichtet sich das Feld der möglichen Herausforderer deutlich. Alexander Povetkin, der im vergangenen Jahr schon einmal gegen Wladimir Klitschko kämpfen sollte, aber kurzfristig abgesagt hatte, boxt seitdem obskure Gegner auf kleinen Veranstaltungen in Russland und Deutschland. Europameister Alexander Dimitrenko ist ein Talent, doch noch lange nicht bereit für einen der beiden Klitschkos. Er wartet seit Monaten auf seine Chance gegen den kalifornischen Puncher Chris Arreola – ein Kampf der sehr viel besser für ihn passen würde. Im August verteidigt Dimitrenko seinen Titel erst einmal gegen Michael Sprott.

Und sonst? Universum-Nachwuchstalente wie Denis Boytsov oder gar Rakhim Chakhkiev, oder der krude, zu Felix Sturms Promotion gewechselte Manuel Charr, kommen entweder noch nicht oder niemals als mögliche Herausforderer für einen der beiden Brüder in Frage. Wir sind also wieder dort wo wir vor dem Klitschko vs. Haye-Fight waren. Die Klitschko-Brüder regieren das Schwergewicht. Spannung? Fehlanzeige.

The War: Wladimir Klitschko vs. David Haye
02. Juli 2011
Imtech Arena in Hamburg


WBA-, WBO- & IBF-Weltmeisterschaft im Schwergewicht
Wladimir Klitschko bes. David Haye einstimmig nach Punkten (118-108, 117-109, 116-110)

Vorkämpfe
Ola Afolabi bes. Terry Dunstan via KO in Rd. 1
Ashley Sexton vs. Mike Robinson endete im Unentschieden   
Ryan Aston bes. Zahari Mutafchiev nach Punkten