Ergebnisse

Enttäuschendes Ende in Los Angeles

Bernard Hopkins mit einer Schlinge nach seiner ärztlichen Untersuchung. Fotos: Dan Rafaels Twitter (@danrafaelespn).

Kritiker des Boxsports können nach diesem Samstag ein weiteres Negativbeispiel zu ihrer bereits ellenlangen Liste von Argumenten hinzufügen. Der groß beworbene World Boxing Council-Halbschwergewichtstitelkampf zwischen Bernard Hopkins und Chad Dawson endete bereits in der zweiten Runde. Nicht jedoch durch einen spektakulären Knockout, sondern nach einem Wurf von Dawson und einer fragwürdigen Entscheidung des Ringrichters Pat Russell.

Hopkins (52-6-2, 32 KO), mit 46 Jahren der älteste Weltmeister in der Geschichte des Boxens, begann das Duell wie erwartet. Er attackierte mit der Right-Hand-Lead und klammerte anschließend, um so das Tempo des Kampfes bestimmen zu können. Dawson (31-1-0, 18 KO), der zuvor angekündigt hatte, pro Runde 80 bis 90 Schläge abfeuern zu wollen, tat genau dies nicht und ließ sich Hopkins‘ Stil aufzwingen.

Die erste Runde verlief recht ausgeglichen und unspektakulär. Im zweiten Durchgang schien Dawson etwas besser seinen Rhythmus zu finden und konnte Hopkins seinerseits stören, weitestgehend neutralisierten sich beide Boxer gegenseitig. Nach gut zwei Minuten kam es schließlich zum kampfentscheidenden Moment.

Hopkins, mit dem Rücken zum Seil, attackierte mit einem Schritt nach vorn und einem linken Haken, unter dem Dawson abtauchte. Hopkins neigte sich dadurch über Dawson, der den 46-jährigen Champion kurzerhand aushob und mit einem Schulter-Tackle zu Boden beförderte. Dort blieb er auch erst einmal liegen und verwies mit schmerzverzerrtem Gesicht mehrfach auf seine linke Schulter. Verschiedene Zeitlupenwiederholungen zeigten, dass Hopkins zuerst mit dem Ellenbogen auf dem Ringboden aufgeschlagen war, eine Schulterverletzung also tatsächlich im Bereich des Möglichen liegt.

Referee Pat Russell beendete daraufhin den Kampf, ahndete Dawsons Aktion jedoch nicht als Foul. Statt das Duell nun aber als No Contest, bzw. No Decision zu werten, machte Russel Chad Dawson nach 2:48 Minuten in der zweiten Runde zum Sieger durch Technischen Knockout und damit zum neuen WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht.

Bernard Hopkins, dessen Betreuer, die Zuschauer, und Dawson selbst waren fassungslos ob dieses unglaublichen Urteils. Ringrichter Pat Russel stand für ein Interview nach dem Kampf nicht zur Verfügung und wurde heimlich aus der Halle eskortiert. Hopkins und Dawson hatten dafür einiges zu sagen:

„Er hat mich ausgehoben und auf den Boden geworfen. Meine Beine haben den Boden nicht mehr berührt! Das ist doch hier nicht die UFC (Ultimate Fighting Championship), wir betreiben hier kein MMA (Mixed Martial Arts)“, so Hopkins. Und weiter: „Der Arzt hat mich gefragt, ob ich weiterkämpfen möchte. Ich habe gesagt: ‚Ja, mit einer Hand‘. Er meinte, mit einer Hand könne ich nicht boxen und hat den Kampf einfach abgewunken.“

Auf die Frage, ob er vor dem Abbruch darüber informiert wurde, dass das Duell als TKO gegen ihn gewertet werden würde, sollte er nicht weitermachen, antwortete er: „Nein.“

Als Beweis für die Echtheit seiner Verletzung zeigte Hopkins beide Schultern in die Kamera. Auf der linken Seite war tatsächlich eine kleine Erhebung zu sehen. Mittlerweile wurde zudem der Befund der ärztlichen Untersuchung beim Mikrobloggingdienst Twitter veröffentlicht, Laut dem Attest erlitt Hopkins offenbar eine Schultereckgelenkssprengung (AC dislocation, siehe Foto unten rechts).

Die Befunde von Bernard Hopkins' ärztlicher Untersuchung.

Wie es mit dieser Situation nun weitergehen wird, ist bislang unklar. Chad Dawson verkündete nach dem Kampf, kein Rematch zu wollen, sondern seinen Fokus nun auf Jean Pascel zu richten, dem er im vergangenen Jahr umstritten durch technischen Punktentscheid unterlag. Die "Informationssperre" der Boxaufsicht und ihres Ringrichters nach dem Kampf kann nur als ärgerlich, aber verständlich bezeichnet werden. Vor einem offiziellen Statement wird man hinter den Kulissen zuvor alle Register ziehen wollen. Auch eine nachträgliche Änderung des Urteils kann momentan nicht ausgeschlossen werden.

Was bleibt, ist die Gewissheit, dass der Boxsport sich hier selbst einen weiteren Tiefschlag zugefügt hat. Dies war nach dem Floyd Mayweather-Victor Ortiz-Fight nun schon die zweite große, bezahlpflichtige US-Großveranstaltung innerhalb von nur einem Monat, die in einem Debakel geendet ist.

Zur Ehrenrettung muss man sagen, dass zumindest das Vorprogramm, mit unter Anderem Paul Malignaggis Sieg über Orlando Lora, dem knappen Gefecht zwischen Danny Garcia und Kendall Holt und vor allem dem sehr sehenswerten Duell von Antonio DeMarco und Jorge Linares, dass DeMarco in der elften Runde via TKO für sich entscheiden konnte, zu überzeugen wusste.

Bernard Hopkins vs. Chad Dawson
15. Oktober 2011
Staples Center in Los Angeles, Kalifornien, USA

WBC Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht
Chad Dawson bes. Bernard Hopkins via TKO nach 2:48 in Rd. 2

Antonio DeMarco bes. Jorge Linares via TKO in Rd.11
Danny Garcia bes. Kendall Holt geteilt nach Punkten
Paul Malignaggi bes. Orlando Lora einstimmig nach Punkten

Vorprogramm
Freddy Hernandez bes. Luis Collazo einstimmig nach Punkten
Nick Casal bes. Michael Anderson via TKO in Rd. 3
DonYil Livingston bes. Kurtiss Colvin einstimmig nach Punkten   
Dewey Bozella bes. Larry Hopkins einstimmig nach Punkten