Ergebnisse

Berto entthront

„Das war pure Unterhaltung, das war eine wahre Schlacht“, verkündete HBO-Kommentator Jim Lampley im Anschluss an die spektakuläre Begegnung zwischen Andre Berto und Victor Ortiz. Und er hatte nicht übertrieben. Über zwölf Runden lieferten sich die beiden Weltergewichte einen erbitterten Zweikampf, mit ständigen Auf und Abs auf beiden Seiten, und produzierten ein Highlight nach dem anderen. Andre Berto stieg mit dem WM-Gürtel um der Hüfte in den Ring, Victor Ortiz verließ ihn damit und katapultierte sich so schlagartig an die Spitze seiner Gewichtsklasse.

Seit der herben TKO-Niederlage gegen Marcos Rene Maidana, im Juni 2009, zweifelten viele an der Einstellung und dem Herz von Victor Ortiz (29-2-2, 22 KO), der bis dahin als der nächste große mexikanisch-stämmige amerikanische Boxer nach Oscar De La Hoya gehypt wurde. Nachdem er Maidana in den ersten beiden Runden dreimal zu Boden schicken konnte, ließ er sich den Kampf danach mehr und mehr aus der Hand nehmen und fiel dem gefährlichen argentinischen Puncher in der sechsten Runde endgültig zum Opfer. Nun, fast zwei Jahre später, hatte er sich endlich ins Scheinwerferlicht zurückgekämpft und stand in einem HBO-Hauptkampf. Gegen Andre Berto (27-1-0, 21 KO) sollte alles besser werden.

Ortiz begann gewohnt schnell und stürmte sofort nach dem Ertönen der Ring-Glocke auf Berto los. Nach nur wenigen Sekunden erwischte er ihn unsauber mit einem linken Haken. Berto ging zu Boden, doch der Ringrichter zählte keinen Knockdown, sondern wertete die Aktion als Ausrutscher. Doch nur wenig später traf der nach wie vor stürmende Ortiz seinen etwas übertölpelten Gegner mit einer knackigen Rechts-Links-Kombination. Berto stolperte daraufhin rückwärts ins Ringseil und nahm einen krachenden Aufwärtshaken. Erneut ging er zu Boden und dieses Mal war die Wirkung des Treffers unbestreitbar. Sichtlich mitgenommen rettete sich Berto in die Pause.

Im zweiten Durchgang versuchte Ortiz zu beenden, was er wenige Sekunden zuvor begonnen hatte, lief dabei aber in einen blitzschnellen Konter Bertos und nun war er es, der zu Boden musste und angezählt wurde. Im Gegensatz zu Berto ließ er sich davon aber nicht aus dem Konzept bringen, sondern machte weiter Druck und traf wieder und wieder, schnell und hart. Bertos Gesichtsausdruck wechselte zwischen fester Verbissenheit und hoffnungsloser Verzweiflung, angesichts des Ansturms von Victor Ortiz, der immer wieder Treffer ins Ziel brachte. Berto schien noch immer an der für ihn katastrophalen ersten Runde zu kauen zu haben und ruhte sich ständig in die Seile gelehnt aus, wobei er von Ortiz konsequent mit Aufwärtshaken eingedeckt wurde.

In Runde sechs kam die vermeintliche Wende: Eine Rechte von Ortiz konterte Berto perfekt mit einer eigenen Rechten, die voll einschlug und Ortiz auf die Bretter schickte. Es war der vermutlich härteste Knockdown im Kampf bisher und Andre Berto hatte plötzlich Blut gerochen. Die Verzweiflung in seinen Augen wich kalter Überzeugung und er begann, seinen Herausforderer gnadenlos zu verfolgen. Unzählige Treffer feuerte er auf Ortiz ab und Ringrichter Mike Ortega war kurz davor, dazwischen zu gehen, als Berto plötzlich in einen Konter von Ortiz lief. Ein linker Haken schickte ihn auf den Hosenboden und Ortiz war wieder im Spiel.

In den folgenden Runden schienen beide Boxer erst einmal Kräfte zu sammeln und vermieden wilde Schlagabtausche. Stattdessen besannen sie sich auf boxen im eigentlichen Sinn, wobei Berto der etwas aktivere Mann war und sich diese „ruhigeren Runden“, wie Kommentator Lampley sie nannte, sichern konnte.   

Die Ruhe war jedoch vorüber, als Ortiz im zehnten Durchgang wegen wiederholten Schlagens auf den Hinterkopf seines Gegners einen Punkt abgezogen bekam. Von dieser Strafe scheinbar angespornt gab er in der elften Runde noch einmal richtig Gas und befeuerte Berto mit einer Salve nach der anderen. Dessen Ecke riet ihm in der Pause zur zwölften Runde, dass nur noch ein Knockout seinen Gürtel retten könne, doch zu dem kam es nicht mehr. Beide Boxer gingen die kompletten zwölf Runden und stellten sich dem Urteil der Punktrichter. Die entschieden entsprechend eindeutig mit 115-110, 114-112 und 114-111 für den neuen World Boxing Council-Weltmeister im Weltergewicht: Victor „Vicious“ Ortiz.

Der befindet sich mit durch diesen Sieg plötzlich, gemeinsam mit Manny Pacquiao und Shane Mosley (den inaktiven Floyd Mayweather einmal ausgeklammert), in den Top 3 des Weltergewichts. Ein riesiger Sprung für Ortiz, der nun endlich dort angekommen ist, wo er schon 2009, vor dem Maidana-Debakel, hätte sein sollen. Berto wird nach einem solch aufsehenerregenden Kampf sicher ebenfalls keine Probleme haben, in näherer Zukunft lukrative Angebote zu bekommen. Für ihn ist diese Niederlage jedoch trotzdem ein herber Rückschlag, hatte er doch gehofft, sich mit einem Sieg über Ortiz endlich für einen Riesen-Fight gegen Manny Pacquiao zu empfehlen.

Was die Zukunft für beide Boxer bereit hält, ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. Wer das Boxgeschäft kennt, weiß, dass ein Rückkampf nach einem so unterhaltsamen Duell durchaus im Bereich des Möglichen liegt, vor allem, wenn ein Weltmeistertitel dabei den Besitzer gewechselt hat. Im Anschluss an ein solches Re-Match wäre es außerdem sehr interessant, Berto gegen den Verlierer von Manny Pacquiao vs. Shane Moseley zu stellen und Ortiz gegen den Sieger.

Aber das ist alles Zukunftsmusik für Berto und Ortiz, von denen der eine Samstagnacht mit der ersten Niederlage seiner Karriere nach Hause gefahren ist - und der andere mit dem ersten Weltmeistertitel.

Andre Berto vs. Victor Ortiz
16. April 2011
Foxwoods Resort Casino in Mashantucket, Connecticut, USA


WBC Weltmeisterschaft im Weltergewicht
Victor Ortiz bes. Andre Berto nach Punkten (115-110, 114-112, 114-111)

Vorprogramm
Deandre Latimore vs. Dennis Sharpe nach Punkten
Thomas Dulorme vs. Harrison Cuello via KO in Rd. 2
Luis Rosa vs. Joseliz Cepeda via TKO in Rd. 5
Joseph Elegele vs. Angel Hernandez via KO in Rd. 2
J'Leon Love vs. JC Peterson via TKO in Rd. 2
Sonya Lamonakis vs. Gigi Jackson einstimmig nach Punkten

Mark Bergmann ist Chefredakteur von GroundandPound, sowie Redakteur für Fighters Only Germany. Er berichtet über Boxen und Mixed Martial Arts. Folgt ihm auf Twitter: @MarkBergmann.