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Boxen

Der Mann aus dem Volk

„Hitman“ Ricky Hatton hängt die Handschuhe an den Nagel – ein Portrait. (Foto: Terry George/Creative Commons)

Die Karriere von "Hitman" Ricky Hatton ist vorüber. Am vergangenen Samstag beendete der Ukrainer Vyacheslav Senchenko das Comeback des Engländers mit einem Leberhaken-K.o. in Runde neun. Bis dahin lag Hatton nach Punkten vorn. Nach 48 Kämpfen und 45 Siegen hängt der Hitman seine Handschuhe nun an den Nagel.

Er hätte es fast geschaft. Drei Punktrichter hatten Ricky Hatton nach acht Runden gegen Vyacheslav Senchenko teils deutlich vorn. Doch es hat nicht sollen sein.

Stattdessen wurde die Karriere des „Hitman“ am Samstag brutal von einer Linken zum Körper beendet. Als er wenige Sekunden vor Ende der neunten Runde in seinem Wohnzimmer, der Manchester Arena, mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden sank, wusste er es bereits: Das war’s. Auch wenn Ricky Hatton im Ring das Wort Rücktritt noch nicht in den Mund nehmen wollte, so war er doch schon beschlossene Sache.

„Ich habe es nicht mehr in mir“, erklärte er wenig später auf der Abschlusspressekonferenz seines Comeback-Fights gegen Vyacheslav Senchenko. „Als Fighter merkt man das.“

Dreieinhalb Jahre hatte Hatton nicht mehr im Ring gestanden. Nach einer Niederlage gegen Pound-for-Pound-König Manny Pacquiao, einem gescheiterten Anlauf als Promoter und endlosen Alkohol- und Drogenexzessen und Skandalen in den Boulevard-Medien, über Depressionen, gar Suizidversuche, wollte es der Hitman noch einmal wissen.

Und dass sein Name bei all den Eskapaden nichts von seiner Kraft verloren hat, zeigte sich, als die 18.000 Tickets für die Manchester Arena schon ausverkauft waren, ohne dass überhaupt ein Gegner für das Hatton-Comeback fest stand.

England liebt Ricky Hatton. Denn Hatton ist einer von ihnen.

Der Hitman ist ein Mann aus dem Volk. Und selbst bei all den Millionen, die er über die Jahre verdient haben mag, ist er immer einer von ihnen geblieben. Der Anblick eines betrunkenen, grotesk übergewichtigen Hatton, der Kokain von einer Hotelkommode schnupft, mag geschmerzt haben, machte ihn aber noch authentischer.

Und England verzieh seinem Champion.

„There’s only one Ricky Hatton“, feierten die 18.000 Fans am Samstag in der Arena fast den gesamten Kampf über lautstark ihren Helden. Die Rufe hörten nicht auf, auch nicht, als er sich unter Schmerzen auszählen lassen musste. Im Gegenteil: Sie wurden lauter.

Ricky Hatton ist einer der wenigen britischen Boxer, die es auch in den Vereinigten Staaten geschafft haben. Dem Box-Mekka. Nicht zuletzt deshalb, weil seine fanatischen Fans ihm zu Tausenden bis nach Las Vegas hinterhergereist sind und auch dort die Arenen ausverkauft haben. Hatton gab dem Volk einen Helden. Und das Volk gab ihm etwas zurück. Der Hitman war das Sprachrohr der Arbeiter, der Glücklosen aus den Pubs, aus den tristen Vororten von Manchester, Liverpool oder London. Er war einer von ihnen, der es ganz nach oben geschafft hat.

Weltmeister in zwei Gewichtsklassen, ungeschlagen bis zum Höhepunkt seiner Karriere, den WM-Kämpfen gegen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao – die einzigen Niederlagen seiner Karriere. Bis zum vergangenen Samstag.

Vyacheslav Senchenko, ein zäher aber schlagbarer Ukrainer, kann sich nun zur klangvolle Gruppe dieser beiden Namen zählen. Und Hatton? Er reiht sich ein, in die Liste erfolgreicher britischer Boxer, wie Frank Bruno oder Lennox Lewis. Und mag doch der Erfolgreichste von ihnen gewesen sein.

Der Populärste war er in jedem Fall.

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